Nora und Helmer: „Es ist eine Abrechnung, Torvald“

Dialog · 2 Personen · Naturalismus · Prosa (Übersetzung Marie von Borch)

Nora und Helmer: Ich glaube, dass ich vor allen Dingen Mensch bin, so gut wie Du

aus Nora oder Ein Puppenheim (1879) von Henrik Ibsen · III. Akt (Schlussauseinandersetzung, Anfang)

Originaltext · Nora oder Ein Puppenheim, Henrik Ibsen (1879)Ausschnitt
Dauer
ca. 8,5 Mingeschätzt, 1018 Wörter
Umfang
1018 WörterNora · Helmer
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 25–50redaktionelle Einschätzung
Tonlage
gefassternst & dramatisch
Sprache
Prosa (Übersetzung Marie von Borch)behutsam modernisiert
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(Das Wohnzimmer der Helmers. Nacht nach dem Kostümfest. Helmer hat Nora verziehen; sie ist ins Nebenzimmer gegangen.)

Nora (In ihrem Alltagskleide.)

Ja, Torvald, ich habe mich umgekleidet.

Stichwort: „Ja, Torvald, ich habe mich umgekleidet.“

Helmer

Aber warum denn? Jetzt? So spät –?

Stichwort: „… warum denn? Jetzt? So spät –?“

Nora

Diese Nacht werde ich nicht schlafen.

Stichwort: „Diese Nacht werde ich nicht schlafen.“

Helmer

Aber, liebe Nora –

Stichwort: „Aber, liebe Nora –“

Nora (Sieht auf ihre Uhr.)

Es ist noch nicht allzu spät. Nimm Platz, Torvald; wir zwei haben viel miteinander zu reden.

Stichwort: „… zwei haben viel miteinander zu reden.“

(Setzt sich an die eine Seite des Tisches.)

Helmer

Nora, – was soll das heißen? Diese starre Miene –.

Stichwort: „… das heißen? Diese starre Miene –.“

Nora

Setz’ Dich. Es dauert lange. Ich habe mit Dir über vieles zu reden.

Stichwort: „… mit Dir über vieles zu reden.“

Helmer (Setzt sich ihr gegenüber an den Tisch.)

Du machst mir Angst, Nora. Und ich verstehe Dich nicht.

Stichwort: „… Nora. Und ich verstehe Dich nicht.“

Nora

Ja, das ist es eben. Du verstehst mich nicht. Und ich habe Dich ebenfalls nicht verstanden – bis zu dieser Stunde. Bitte, unterbrich mich nicht. Du sollst mir nur zuhören. – Es ist eine Abrechnung, Torvald.

Stichwort: „… – Es ist eine Abrechnung, Torvald.“

Helmer

Wie meinst Du das?

Stichwort: „Wie meinst Du das?“

Nora (Nach kurzem Schweigen.)

Wie wir so dasitzen, – fällt Dir gar nichts daran auf?

Stichwort: „… fällt Dir gar nichts daran auf?“

Helmer

Was sollte das sein?

Stichwort: „Was sollte das sein?“

Nora

Wir sind jetzt acht Jahre verheiratet. Fällt es Dir nicht auf, dass wir – Du und ich, Mann und Frau – heute zum ersten Male ein ernstes Gespräch miteinander führen?

Stichwort: „… Male ein ernstes Gespräch miteinander führen?“

Helmer

Ein ernstes Gespräch, – was heißt das?

Stichwort: „… ernstes Gespräch, – was heißt das?“

Nora

Acht ganze Jahre – und länger noch, – vom ersten Tage unserer Bekanntschaft an haben wir nie ein ernstes Wort über ernste Dinge gewechselt.

Stichwort: „… ernstes Wort über ernste Dinge gewechselt.“

Helmer

Hätte ich Dich etwa beständig einweihen sollen in Widerwärtigkeiten, die Du doch nicht mit mir hättest teilen können?

Stichwort: „… nicht mit mir hättest teilen können?“

Nora

Ich spreche nicht von Widerwärtigkeiten. Ich sage nur, dass wir niemals ernst beieinandergesessen haben, um etwas gründlich zu überlegen.

Stichwort: „… haben, um etwas gründlich zu überlegen.“

Helmer

Aber liebste Nora, das wäre doch nichts für Dich gewesen.

Stichwort: „… wäre doch nichts für Dich gewesen.“

Nora

Da sind wir bei der Sache. Du hast mich nie verstanden. – Ihr habt viel an mir gesündigt, Torvald. Zuerst Papa, dann Du.

Stichwort: „… gesündigt, Torvald. Zuerst Papa, dann Du.“

Helmer

Was? Wir beide –? Wir beide, die wir Dich über alles in der Welt geliebt haben?

Stichwort: „… alles in der Welt geliebt haben?“

Nora (Schüttelt den Kopf.)

Ihr habt mich nie geliebt. Euch machte es nur Spaß, in mich verliebt zu sein.

Stichwort: „… Spaß, in mich verliebt zu sein.“

Helmer

Aber, Nora, was sind das für Worte!

Stichwort: „… Nora, was sind das für Worte!“

Nora

Ja, es ist so, Torvald. Als ich zu Hause war bei Papa, teilte er mir alle seine Ansichten mit, und so hatte ich dieselben Ansichten. War ich aber einmal anderer Meinung, dann verheimlichte ich das; denn es wäre ihm nicht recht gewesen. Er nannte mich sein Puppenkind, und spielte mit mir, wie ich mit meinen Puppen spielte. Dann kam ich zu Dir ins Haus –

Stichwort: „… ich zu Dir ins Haus –“

Helmer

Was für einen Ausdruck gebrauchst Du da von unserer Ehe?

Stichwort: „… gebrauchst Du da von unserer Ehe?“

Nora (Unbeirrt.)

Ich meine, dann ging ich aus Papas Händen in Deine über. Du richtetest alles nach Deinem Geschmack ein, und so bekam ich denselben Geschmack wie Du; aber ich tat nur so: ich weiß es nicht mehr recht – vielleicht war es auch beides: bald so und bald so. Wenn ich jetzt zurückblicke, so ist mir, als hätte ich hier wie ein Bettler gelebt, – nur von der Hand in den Mund. Ich lebte davon, dass ich Dir Kunststücke vormachte, Torvald. Aber Du wolltest es ja so haben. Du und Papa, Ihr habt Euch schwer an mir versündigt. Ihr seid schuld daran, dass nichts aus mir geworden ist.

Stichwort: „… dass nichts aus mir geworden ist.“

Helmer

Wie lächerlich und wie undankbar, Nora! Bist Du hier nicht glücklich gewesen?

Stichwort: „… Bist Du hier nicht glücklich gewesen?“

Nora

Nein. Das bin ich nie gewesen. Ich habe es geglaubt, aber ich bin es nie gewesen.

Stichwort: „… aber ich bin es nie gewesen.“

Helmer

Nicht – nicht glücklich?

Stichwort: „Nicht – nicht glücklich?“

Nora

Nein, – nur lustig. Und Du warst immer so lieb zu mir. Aber unser Heim ist nichts anderes als eine Spielstube gewesen. Hier bin ich Deine Puppenfrau gewesen, wie ich zu Hause Papas Puppenkind war. Und die Kinder, die waren wiederum meine Puppen. Wenn Du mich nahmst und mit mir spieltest, so machte mir das gerade solchen Spaß, wie es den Kindern Spaß machte, wenn ich sie nahm und mit ihnen spielte. Das ist unsere Ehe gewesen, Torvald.

Stichwort: „… Das ist unsere Ehe gewesen, Torvald.“

Helmer

Etwas Wahres liegt in Deinen Worten, – so übertrieben und überspannt sie auch sind. Aber von jetzt an soll es anders werden. Die Tage des Spiels sind nun vorüber; jetzt kommt die Zeit der Erziehung.

Stichwort: „… jetzt kommt die Zeit der Erziehung.“

Nora

Wessen Erziehung? Meine oder die der Kinder?

Stichwort: „… Erziehung? Meine oder die der Kinder?“

Helmer

Sowohl Deine wie die der Kinder, meine geliebte Nora.

Stichwort: „… die der Kinder, meine geliebte Nora.“

Nora

Ach, Torvald, Du bist nicht der Mann, mich zu einer richtigen Frau für Dich zu erziehen.

Stichwort: „… richtigen Frau für Dich zu erziehen.“

Helmer

Und das sagst Du so?

Stichwort: „Und das sagst Du so?“

Nora

Und ich, – bin ich denn für die Aufgabe gerüstet, die Kinder zu erziehen?

Stichwort: „… Aufgabe gerüstet, die Kinder zu erziehen?“

Helmer

Nora!

Stichwort: „Nora!“

Nora

Hast Du vorhin nicht selber gesagt, – Du dürftest mir diese Aufgabe nicht anvertrauen?

Stichwort: „… dürftest mir diese Aufgabe nicht anvertrauen?“

Helmer

Im Moment der Erregung! Wie kannst Du darauf etwas geben?

Stichwort: „… Wie kannst Du darauf etwas geben?“

Nora

Doch. Du hattest sehr recht. Ich bin der Aufgabe nicht gewachsen. Das ist eine andere Aufgabe, die ich zuvor lösen muss. Ich muss trachten, mich selbst zu erziehen. Und Du bist nicht der Mann, mir dabei zu helfen. Das muss ich allein vollbringen. Und darum verlasse ich Dich jetzt.

Stichwort: „… Und darum verlasse ich Dich jetzt.“

Helmer (Springt auf.)

Was sagst Du da?

Stichwort: „Was sagst Du da?“

Nora

Ich muss ganz allein stehen, wenn ich mich mit mir selbst und mit der Außenwelt zurechtfinden soll. Deshalb kann ich nicht länger bei Dir bleiben.

Stichwort: „… ich nicht länger bei Dir bleiben.“

Helmer

Nora! Nora!

Stichwort: „Nora! Nora!“

Nora

Ich verlasse Dich sofort. Christine wird mich für diese eine Nacht aufnehmen –

Stichwort: „… für diese eine Nacht aufnehmen –“

Helmer

Du bist von Sinnen! Das darfst Du nicht! Ich verbiete es Dir!

Stichwort: „… Du nicht! Ich verbiete es Dir!“

Nora

Es hat fortan keinen Zweck mehr, mir etwas zu verbieten. Ich nehme mit, was mir gehört. Von Dir will ich nichts haben, – nicht heut, noch später.

Stichwort: „… haben, – nicht heut, noch später.“

Helmer

Welcher Wahnsinn!

Stichwort: „Welcher Wahnsinn!“

Nora

Morgen reise ich nach Hause – das heißt: in meine alte Heimat. Dort wird es mir am leichtesten sein, irgend etwas anzufangen.

Stichwort: „… am leichtesten sein, irgend etwas anzufangen.“

Helmer

O Du verblendetes, unerfahrenes Geschöpf!

Stichwort: „O Du verblendetes, unerfahrenes Geschöpf!“

Nora

Ich muss trachten, mir Erfahrung zu erwerben, Torvald.

Stichwort: „… trachten, mir Erfahrung zu erwerben, Torvald.“

Helmer

Deine Häuslichkeit, Deinen Mann und Deine Kinder zu verlassen! Bedenke: was werden die Leute sagen!

Stichwort: „… Bedenke: was werden die Leute sagen!“

Nora

Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Ich weiß nur, dass es für mich notwendig ist.

Stichwort: „… dass es für mich notwendig ist.“

Helmer

O, das ist empörend. So entziehst Du Dich Deinen heiligsten Pflichten?

Stichwort: „… entziehst Du Dich Deinen heiligsten Pflichten?“

Nora

Was verstehst Du unter meinen heiligsten Pflichten?

Stichwort: „… verstehst Du unter meinen heiligsten Pflichten?“

Helmer

Das muss ich Dir erst sagen! Sind es nicht die Pflichten gegen Deinen Mann und gegen Deine Kinder?

Stichwort: „… Deinen Mann und gegen Deine Kinder?“

Nora

Ich habe andere Pflichten, die ebenso heilig sind.

Stichwort: „… andere Pflichten, die ebenso heilig sind.“

Helmer

Das hast Du nicht. Was für Pflichten könnten das wohl sein!

Stichwort: „… für Pflichten könnten das wohl sein!“

Nora

Die Pflichten gegen mich selbst.

Stichwort: „Die Pflichten gegen mich selbst.“

Helmer

In erster Linie bist Du Gattin und Mutter.

Stichwort: „… Linie bist Du Gattin und Mutter.“

Nora

Das glaube ich nicht mehr. Ich glaube, dass ich vor allen Dingen Mensch bin, so gut wie Du, – oder vielmehr, ich will versuchen, es zu werden. Ich weiß wohl, dass die Welt Dir Recht geben wird, Torvald, und dass etwas ähnliches in den Büchern steht. Aber was die Welt sagt und was in den Büchern steht, das kann nicht länger maßgebend für mich sein. Ich muss selbst nachdenken, um in den Dingen Klarheit zu erlangen.

Stichwort: „… in den Dingen Klarheit zu erlangen.“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Nora ist ruhig und entschlossen; die Erregung liegt bei Helmer. Diese Umkehrung der bisherigen Rollen ist der Vorgang der Szene.
  • Das Bild der Puppe kehrt wieder: Papas Puppenkind, Helmers Puppenfrau. Nora findet die Worte dafür erst jetzt.
  • Helmer wechselt die Taktik (Spielhandlung): Zärtlichkeit, Belehrung, Verbot, Appell an die Pflicht. Jede Taktik scheitert an Noras Klarheit.
  • Die Szene geht im Stück weiter bis zum berühmten Türschlag. Dieser Ausschnitt endet mit Noras Satz über die Pflichten gegen sich selbst. Geeignet für Szenenstudium.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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