Gertrud und Stauffacher: „Der kluge Mann baut vor“

Dialog · 2 Personen · Weimarer Klassik · Blankvers

Gertrud und Stauffacher: Der kluge Mann baut vor.

aus Wilhelm Tell (1804) von Friedrich Schiller · I. Aufzug, 2. Szene (Ausschnitt)

Originaltext · Wilhelm Tell, Friedrich Schiller (1804)Ausschnitt
Dauer
ca. 10 Mingeschätzt, 1102 Wörter
Umfang
157 VerseGertrud · Stauffacher
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 28–60redaktionelle Einschätzung
Tonlage
besorgternst & dramatisch
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
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(Stauffacher setzt sich kummervoll auf eine Bank unter der Linde. So findet ihn Gertrud, seine Frau, die sich neben ihn stellt und ihn eine Zeitlang schweigend betrachtet.)

Gertrud

  1. So ernst, mein Freund? Ich kenne dich nicht mehr.
  2. Schon viele Tage seh’ ich’s schweigend an,
  3. Wie finstrer Trübsinn deine Stirne furch’t.
  4. Auf deinem Herzen drückt ein still Gebresten,
  5. Vertrau es mir, ich bin dein treues Weib,
  6. Und meine Hälfte fodr’ ich deines Grams.
  7. (Stauffacher reicht ihr die Hand und schweigt)
  8. Was kann dein Herz beklemmen, sag es mir.
  9. Gesegnet ist dein Fleiß, dein Glücksstand blüht,
  10. Voll sind die Scheunen, und der Rinder Scharen,
  11. Der glatten Pferde wohl genährte Zucht
  12. Ist von den Bergen glücklich heimgebracht
  13. Zur Winterung in den bequemen Ställen.
  14. — Da steht dein Haus, reich, wie ein Edelsitz,
  15. Von schönem Stammholz ist es neu gezimmert
  16. Und nach dem Richtmaß ordentlich gefügt,
  17. Von vielen Fenstern glänzt es wohnlich, hell,
  18. Mit bunten Wappenschildern ist’s bemalt,
  19. Und weisen Sprüchen, die der Wandersmann
  20. Verweilend liest und ihren Sinn bewundert.

Stichwort: „… Verweilend liest und ihren Sinn bewundert.“

Stauffacher

  1. Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt,
  2. Doch ach — es wankt der Grund, auf den wir bauten.

Stichwort: „… der Grund, auf den wir bauten.“

Gertrud

  1. Mein Werner sage, wie verstehst du das?

Stichwort: „… Werner sage, wie verstehst du das?“

Stauffacher

  1. Vor dieser Linde saß ich jüngst wie heut,
  2. Das schön vollbrachte freudig überdenkend,
  3. Da kam daher von Küssnacht, seiner Burg,
  4. Der Vogt mit seinen Reisigen geritten.
  5. Vor diesem Hause hielt er wundernd an,
  6. Doch ich erhub mich schnell, und unterwürfig
  7. Wie sich’s gebührt, trat ich dem Herrn entgegen,
  8. Der uns des Kaisers richterliche Macht
  9. Vorstellt im Lande. Wessen ist dies Haus?
  10. Fragt’ er bösmeinend, denn er wusst es wohl.
  11. Doch schnell besonnen ich entgegn’ ihm so:
  12. Dies Haus, Herr Vogt, ist meines Herrn des Kaisers,
  13. Und Eures und mein Lehen — da versetzt er:
  14. „Ich bin Regent im Land an Kaisers Statt,
  15. Und will nicht, dass der Bauer Häuser baue
  16. Auf seine eigne Hand, und also frei
  17. Hinleb’, als ob er Herr wär in dem Lande,
  18. Ich werd’ mich unterstehn, euch das zu wehren.“
  19. Dies sagend ritt er trutziglich von dannen,
  20. Ich aber blieb mit kummervoller Seele,
  21. Das Wort bedenkend, das der Böse sprach.

Stichwort: „… Wort bedenkend, das der Böse sprach.“

Gertrud

  1. Mein lieber Herr und Ehewirt! Magst du
  2. Ein redlich Wort von deinem Weib vernehmen?
  3. Des edeln Ibergs Tochter rühm ich mich,
  4. Des viel erfahrnen Manns. Wir Schwestern saßen,
  5. Die Wolle spinnend, in den langen Nächten,
  6. Wenn bei dem Vater sich des Volkes Häupter
  7. Versammelten, die Pergamente lasen
  8. Der alten Kaiser, und des Landes Wohl
  9. Bedachten in vernünftigem Gespräch.
  10. Aufmerkend hört’ ich da manch kluges Wort,
  11. Was der Verständge denkt, der Gute wünscht,
  12. Und still im Herzen hab ich mirs bewahrt.
  13. So höre denn und acht’ auf meine Rede,
  14. Denn was dich presste, sieh das wusst ich längst.
  15. — Dir grollt der Landvogt, möchte gern dir schaden,
  16. Denn du bist ihm ein Hindernis, dass sich
  17. Der Schwytzer nicht dem neuen Fürstenhaus
  18. Will unterwerfen, sondern treu und fest
  19. Beim Reich beharren, wie die würdigen
  20. Altvordern es gehalten und getan. —
  21. Ists nicht so Werner? Sag es, wenn ich lüge!

Stichwort: „… Werner? Sag es, wenn ich lüge!“

Stauffacher

  1. So ist’s, das ist des Geßlers Groll auf mich.

Stichwort: „… ist des Geßlers Groll auf mich.“

Gertrud

  1. Er ist dir neidisch, weil du glücklich wohnst,
  2. Ein freier Mann auf deinem eignen Erb
  3. — Denn Er hat keins. Vom Kaiser selbst und Reich
  4. Trägst du dies Haus zu Lehn, du darfst es zeigen,
  5. So gut der Reichsfürst seine Länder zeigt,
  6. Denn über dir erkennst du keinen Herrn
  7. Als nur den Höchsten in der Christenheit —
  8. Er ist ein jüngrer Sohn nur seines Hauses,
  9. Nichts nennt er sein als seinen Rittermantel,
  10. Drum sieht er jedes Biedermannes Glück
  11. Mit scheelen Augen gift’ger Missgunst an,
  12. Dir hat er längst den Untergang geschworen —
  13. Noch stehst du unversehrt — Willst du erwarten,
  14. Bis er die böse Lust an dir gebüßt?
  15. Der kluge Mann baut vor.

Stichwort: „… gebüßt? Der kluge Mann baut vor.“

Stauffacher

  1. Was ist zu tun!

Stichwort: „Was ist zu tun!“

Gertrud (Tritt näher.)

  1. So höre meinen Rat! Du weißt, wie hier
  2. Zu Schwytz sich alle Redlichen beklagen
  3. Ob dieses Landvogts Geiz und Wüterei.
  4. So zweifle nicht, dass sie dort drüben auch
  5. In Unterwalden und im Urner Land
  6. Des Dranges müd sind und des harten Jochs —
  7. Denn wie der Geßler hier, so schafft es frech
  8. Der Landenberger drüben überm See —
  9. Es kommt kein Fischerkahn zu uns herüber,
  10. Der nicht ein neues Unheil und Gewalt-
  11. Beginnen von den Vögten uns verkündet.
  12. Drum tät es gut, dass eurer etliche,
  13. Die’s redlich meinen, still zu Rate gingen,
  14. Wie man des Drucks sich möcht’ erledigen,
  15. So acht ich wohl, Gott würd’ euch nicht verlassen,
  16. Und der gerechten Sache gnädig sein —
  17. Hast du in Uri keinen Gastfreund, sprich,
  18. Dem du dein Herz magst redlich offenbaren?

Stichwort: „… du dein Herz magst redlich offenbaren?“

Stauffacher

  1. Der wackern Männer kenn’ ich viele dort,
  2. Und angesehen große Herrenleute,
  3. Die mir geheim sind und gar wohl vertraut.
  4. (Er steht auf)
  5. Frau, welchen Sturm gefährlicher Gedanken
  6. Weckst du mir in der stillen Brust! Mein Innerstes
  7. Kehrst du ans Licht des Tages mir entgegen,
  8. Und was ich mir zu denken still verbot,
  9. Du sprichsts mit leichter Zunge kecklich aus.
  10. — Hast du auch wohl bedacht, was du mir rätst?
  11. Die wilde Zwietracht und den Klang der Waffen
  12. Rufst du in dieses friedgewohnte Tal —
  13. Wir wagten es, ein schwaches Volk der Hirten,
  14. In Kampf zu gehen mit dem Herrn der Welt?
  15. Der gute Schein nur ist’s, worauf sie warten,
  16. Um loszulassen auf dies arme Land
  17. Die wilden Horden ihrer Kriegesmacht,
  18. Darin zu schalten mit des Siegers Rechten,
  19. Und unterm Schein gerechter Züchtigung
  20. Die alten Freiheitsbriefe zu vertilgen.

Stichwort: „… Züchtigung Die alten Freiheitsbriefe zu vertilgen.“

Gertrud

  1. Ihr seid auch Männer, wisset eure Art
  2. Zu führen, und dem Mutigen hilft Gott!

Stichwort: „… führen, und dem Mutigen hilft Gott!“

Stauffacher

  1. O Weib! Ein furchtbar wütend Schrecknis ist
  2. Der Krieg, die Herde schlägt er und den Hirten.

Stichwort: „… Herde schlägt er und den Hirten.“

Gertrud

  1. Ertragen muss man, was der Himmel sendet,
  2. Unbilliges erträgt kein edles Herz.

Stichwort: „… sendet, Unbilliges erträgt kein edles Herz.“

Stauffacher

  1. Dies Haus erfreut dich, das wir neu erbauten.
  2. Der Krieg, der ungeheure, brennt es nieder.

Stichwort: „… Krieg, der ungeheure, brennt es nieder.“

Gertrud

  1. Wüsst’ ich mein Herz an zeitlich Gut gefesselt,
  2. Den Brand wärf ich hinein mit eigner Hand.

Stichwort: „… wärf ich hinein mit eigner Hand.“

Stauffacher

  1. Du glaubst an Menschlichkeit! Es schont der Krieg
  2. Auch nicht das zarte Kindlein in der Wiege.

Stichwort: „… das zarte Kindlein in der Wiege.“

Gertrud

  1. Die Unschuld hat im Himmel einen Freund!
  2. — Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich.

Stichwort: „… vorwärts, Werner, und nicht hinter dich.“

Stauffacher

  1. Wir Männer können tapfer fechtend sterben,
  2. Welch Schicksal aber wird das Eure sein?

Stichwort: „… Schicksal aber wird das Eure sein?“

Gertrud

  1. Die letzte Wahl steht auch dem Schwächsten offen,
  2. Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei.

Stichwort: „… von dieser Brücke macht mich frei.“

Stauffacher (Stürzt in ihre Arme.)

  1. Wer solch ein Herz an seinen Busen drückt,
  2. Der kann für Herd und Hof mit Freuden fechten,
  3. Und keines Königs Heermacht fürchtet er —
  4. Nach Uri fahr’ ich stehnden Fußes gleich,
  5. Dort lebt ein Gastfreund mir, Herr Walther Fürst,
  6. Der über diese Zeiten denkt wie ich.
  7. Auch find’ ich dort den edeln Bannerherrn
  8. Von Attinghaus — obgleich von hohem Stamm
  9. Liebt er das Volk und ehrt die alten Sitten.
  10. Mit ihnen beiden pfleg’ ich Rats, wie man
  11. Der Landesfeinde mutig sich erwehrt —
  12. Leb wohl — und weil ich fern bin, führe du
  13. Mit klugem Sinn das Regiment des Hauses —
  14. Dem Pilger, der zum Gotteshause wallt,
  15. Dem frommen Mönch, der für sein Kloster sammelt,
  16. Gib reichlich und entlass ihn wohl gepflegt.
  17. Stauffachers Haus verbirgt sich nicht. Zu äußerst
  18. Am offnen Heerweg steht’s, ein wirtlich Dach
  19. Für alle Wandrer, die des Weges fahren.

Stichwort: „… alle Wandrer, die des Weges fahren.“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Ein Ehepaar auf Augenhöhe. Gertrud führt das Gespräch, aber sie überredet nicht: Sie spricht aus, was Stauffacher schon denkt.
  • Schillers Blankvers ist hier ruhig und erzählend. Stauffachers Bericht von Gesslers Drohung ist ein kleiner Botenbericht mit wörtlicher Rede.
  • Der schnelle Wechsel am Ende (je zwei Verse) folgt dem Prinzip der Stichomythie: Einwand und Antwort. Halte das Tempo.
  • Gertruds „Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei“ ist keine Pose, sondern eine ruhige Entscheidung. Darauf antwortet Stauffacher mit der Umarmung.

Weitere Rollen aus diesem Stück

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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