(Stauffacher setzt sich kummervoll auf eine Bank unter der Linde. So findet ihn Gertrud, seine Frau, die sich neben ihn stellt und ihn eine Zeitlang schweigend betrachtet.)
Gertrud
- So ernst, mein Freund? Ich kenne dich nicht mehr.
- Schon viele Tage seh’ ich’s schweigend an,
- Wie finstrer Trübsinn deine Stirne furch’t.
- Auf deinem Herzen drückt ein still Gebresten,
- Vertrau es mir, ich bin dein treues Weib,
- Und meine Hälfte fodr’ ich deines Grams.
- (Stauffacher reicht ihr die Hand und schweigt)
- Was kann dein Herz beklemmen, sag es mir.
- Gesegnet ist dein Fleiß, dein Glücksstand blüht,
- Voll sind die Scheunen, und der Rinder Scharen,
- Der glatten Pferde wohl genährte Zucht
- Ist von den Bergen glücklich heimgebracht
- Zur Winterung in den bequemen Ställen.
- — Da steht dein Haus, reich, wie ein Edelsitz,
- Von schönem Stammholz ist es neu gezimmert
- Und nach dem Richtmaß ordentlich gefügt,
- Von vielen Fenstern glänzt es wohnlich, hell,
- Mit bunten Wappenschildern ist’s bemalt,
- Und weisen Sprüchen, die der Wandersmann
- Verweilend liest und ihren Sinn bewundert.
Stichwort: „… Verweilend liest und ihren Sinn bewundert.“
Stauffacher
- Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt,
- Doch ach — es wankt der Grund, auf den wir bauten.
Stichwort: „… der Grund, auf den wir bauten.“
Gertrud
- Mein Werner sage, wie verstehst du das?
Stichwort: „… Werner sage, wie verstehst du das?“
Stauffacher
- Vor dieser Linde saß ich jüngst wie heut,
- Das schön vollbrachte freudig überdenkend,
- Da kam daher von Küssnacht, seiner Burg,
- Der Vogt mit seinen Reisigen geritten.
- Vor diesem Hause hielt er wundernd an,
- Doch ich erhub mich schnell, und unterwürfig
- Wie sich’s gebührt, trat ich dem Herrn entgegen,
- Der uns des Kaisers richterliche Macht
- Vorstellt im Lande. Wessen ist dies Haus?
- Fragt’ er bösmeinend, denn er wusst es wohl.
- Doch schnell besonnen ich entgegn’ ihm so:
- Dies Haus, Herr Vogt, ist meines Herrn des Kaisers,
- Und Eures und mein Lehen — da versetzt er:
- „Ich bin Regent im Land an Kaisers Statt,
- Und will nicht, dass der Bauer Häuser baue
- Auf seine eigne Hand, und also frei
- Hinleb’, als ob er Herr wär in dem Lande,
- Ich werd’ mich unterstehn, euch das zu wehren.“
- Dies sagend ritt er trutziglich von dannen,
- Ich aber blieb mit kummervoller Seele,
- Das Wort bedenkend, das der Böse sprach.
Stichwort: „… Wort bedenkend, das der Böse sprach.“
Gertrud
- Mein lieber Herr und Ehewirt! Magst du
- Ein redlich Wort von deinem Weib vernehmen?
- Des edeln Ibergs Tochter rühm ich mich,
- Des viel erfahrnen Manns. Wir Schwestern saßen,
- Die Wolle spinnend, in den langen Nächten,
- Wenn bei dem Vater sich des Volkes Häupter
- Versammelten, die Pergamente lasen
- Der alten Kaiser, und des Landes Wohl
- Bedachten in vernünftigem Gespräch.
- Aufmerkend hört’ ich da manch kluges Wort,
- Was der Verständge denkt, der Gute wünscht,
- Und still im Herzen hab ich mirs bewahrt.
- So höre denn und acht’ auf meine Rede,
- Denn was dich presste, sieh das wusst ich längst.
- — Dir grollt der Landvogt, möchte gern dir schaden,
- Denn du bist ihm ein Hindernis, dass sich
- Der Schwytzer nicht dem neuen Fürstenhaus
- Will unterwerfen, sondern treu und fest
- Beim Reich beharren, wie die würdigen
- Altvordern es gehalten und getan. —
- Ists nicht so Werner? Sag es, wenn ich lüge!
Stichwort: „… Werner? Sag es, wenn ich lüge!“
Stauffacher
- So ist’s, das ist des Geßlers Groll auf mich.
Stichwort: „… ist des Geßlers Groll auf mich.“
Gertrud
- Er ist dir neidisch, weil du glücklich wohnst,
- Ein freier Mann auf deinem eignen Erb
- — Denn Er hat keins. Vom Kaiser selbst und Reich
- Trägst du dies Haus zu Lehn, du darfst es zeigen,
- So gut der Reichsfürst seine Länder zeigt,
- Denn über dir erkennst du keinen Herrn
- Als nur den Höchsten in der Christenheit —
- Er ist ein jüngrer Sohn nur seines Hauses,
- Nichts nennt er sein als seinen Rittermantel,
- Drum sieht er jedes Biedermannes Glück
- Mit scheelen Augen gift’ger Missgunst an,
- Dir hat er längst den Untergang geschworen —
- Noch stehst du unversehrt — Willst du erwarten,
- Bis er die böse Lust an dir gebüßt?
- Der kluge Mann baut vor.
Stichwort: „… gebüßt? Der kluge Mann baut vor.“
Stauffacher
- Was ist zu tun!
Stichwort: „Was ist zu tun!“
Gertrud (Tritt näher.)
- So höre meinen Rat! Du weißt, wie hier
- Zu Schwytz sich alle Redlichen beklagen
- Ob dieses Landvogts Geiz und Wüterei.
- So zweifle nicht, dass sie dort drüben auch
- In Unterwalden und im Urner Land
- Des Dranges müd sind und des harten Jochs —
- Denn wie der Geßler hier, so schafft es frech
- Der Landenberger drüben überm See —
- Es kommt kein Fischerkahn zu uns herüber,
- Der nicht ein neues Unheil und Gewalt-
- Beginnen von den Vögten uns verkündet.
- Drum tät es gut, dass eurer etliche,
- Die’s redlich meinen, still zu Rate gingen,
- Wie man des Drucks sich möcht’ erledigen,
- So acht ich wohl, Gott würd’ euch nicht verlassen,
- Und der gerechten Sache gnädig sein —
- Hast du in Uri keinen Gastfreund, sprich,
- Dem du dein Herz magst redlich offenbaren?
Stichwort: „… du dein Herz magst redlich offenbaren?“
Stauffacher
- Der wackern Männer kenn’ ich viele dort,
- Und angesehen große Herrenleute,
- Die mir geheim sind und gar wohl vertraut.
- (Er steht auf)
- Frau, welchen Sturm gefährlicher Gedanken
- Weckst du mir in der stillen Brust! Mein Innerstes
- Kehrst du ans Licht des Tages mir entgegen,
- Und was ich mir zu denken still verbot,
- Du sprichsts mit leichter Zunge kecklich aus.
- — Hast du auch wohl bedacht, was du mir rätst?
- Die wilde Zwietracht und den Klang der Waffen
- Rufst du in dieses friedgewohnte Tal —
- Wir wagten es, ein schwaches Volk der Hirten,
- In Kampf zu gehen mit dem Herrn der Welt?
- Der gute Schein nur ist’s, worauf sie warten,
- Um loszulassen auf dies arme Land
- Die wilden Horden ihrer Kriegesmacht,
- Darin zu schalten mit des Siegers Rechten,
- Und unterm Schein gerechter Züchtigung
- Die alten Freiheitsbriefe zu vertilgen.
Stichwort: „… Züchtigung Die alten Freiheitsbriefe zu vertilgen.“
Gertrud
- Ihr seid auch Männer, wisset eure Art
- Zu führen, und dem Mutigen hilft Gott!
Stichwort: „… führen, und dem Mutigen hilft Gott!“
Stauffacher
- O Weib! Ein furchtbar wütend Schrecknis ist
- Der Krieg, die Herde schlägt er und den Hirten.
Stichwort: „… Herde schlägt er und den Hirten.“
Gertrud
- Ertragen muss man, was der Himmel sendet,
- Unbilliges erträgt kein edles Herz.
Stichwort: „… sendet, Unbilliges erträgt kein edles Herz.“
Stauffacher
- Dies Haus erfreut dich, das wir neu erbauten.
- Der Krieg, der ungeheure, brennt es nieder.
Stichwort: „… Krieg, der ungeheure, brennt es nieder.“
Gertrud
- Wüsst’ ich mein Herz an zeitlich Gut gefesselt,
- Den Brand wärf ich hinein mit eigner Hand.
Stichwort: „… wärf ich hinein mit eigner Hand.“
Stauffacher
- Du glaubst an Menschlichkeit! Es schont der Krieg
- Auch nicht das zarte Kindlein in der Wiege.
Stichwort: „… das zarte Kindlein in der Wiege.“
Gertrud
- Die Unschuld hat im Himmel einen Freund!
- — Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich.
Stichwort: „… vorwärts, Werner, und nicht hinter dich.“
Stauffacher
- Wir Männer können tapfer fechtend sterben,
- Welch Schicksal aber wird das Eure sein?
Stichwort: „… Schicksal aber wird das Eure sein?“
Gertrud
- Die letzte Wahl steht auch dem Schwächsten offen,
- Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei.
Stichwort: „… von dieser Brücke macht mich frei.“
Stauffacher (Stürzt in ihre Arme.)
- Wer solch ein Herz an seinen Busen drückt,
- Der kann für Herd und Hof mit Freuden fechten,
- Und keines Königs Heermacht fürchtet er —
- Nach Uri fahr’ ich stehnden Fußes gleich,
- Dort lebt ein Gastfreund mir, Herr Walther Fürst,
- Der über diese Zeiten denkt wie ich.
- Auch find’ ich dort den edeln Bannerherrn
- Von Attinghaus — obgleich von hohem Stamm
- Liebt er das Volk und ehrt die alten Sitten.
- Mit ihnen beiden pfleg’ ich Rats, wie man
- Der Landesfeinde mutig sich erwehrt —
- Leb wohl — und weil ich fern bin, führe du
- Mit klugem Sinn das Regiment des Hauses —
- Dem Pilger, der zum Gotteshause wallt,
- Dem frommen Mönch, der für sein Kloster sammelt,
- Gib reichlich und entlass ihn wohl gepflegt.
- Stauffachers Haus verbirgt sich nicht. Zu äußerst
- Am offnen Heerweg steht’s, ein wirtlich Dach
- Für alle Wandrer, die des Weges fahren.
Stichwort: „… alle Wandrer, die des Weges fahren.“
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
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