(Eine leere Bühne nach der letzten Vorstellung der Spielzeit. Nur das Arbeitslicht brennt. Vorn an der Rampe ein offener Souffleurkasten. Ingrid, Anfang sechzig, klettert mühsam heraus, ein dickes Textbuch unter dem Arm, ein Sitzkissen in der anderen Hand.)
Vierunddreißig Jahre. Und jedes Mal dieselbe Stufe, die wackelt. Ich habe es dem technischen Direktor gesagt, dreimal schriftlich. Jetzt, wo ich gehe, wird sie nicht repariert, sondern zugemacht. Der ganze Kasten. Ab der nächsten Spielzeit kommt ein Brett darüber, und dann steht da vorne vielleicht ein Blumentopf.
(Sie setzt sich auf den Rand des Kastens, das Kissen auf dem Schoß.) Man sieht von da unten die Welt von unten. Schuhe. Knöchel. Spucke, wenn einer zu deutlich spricht. Ich kenne die Leute hier besser an den Schuhen als an den Gesichtern. Wer nervös ist, steht auf den Zehen. Wer den Text nicht kann, steht fest auf den Fersen, als könnte ihn sonst der Boden verschlucken.
Die meisten haben mich gehasst. Nicht persönlich. Grundsätzlich. Eine gute Schauspielerin braucht keine Souffleuse, sagen sie, ein guter Schauspieler auch nicht. Dann hängen sie, mitten im zweiten Akt, und sehen nach unten, und ihre Augen sagen: Ingrid. Und ich sage es ihnen. Ein Wort. Nie mehr. Das erste Wort reicht. Der Rest kommt von allein, wenn man das erste hat. Das ist im Leben übrigens genauso.
Einmal, ich war noch nicht lange hier: „Faust“, die Szene im Garten. Eine ganz junge Kollegin, ihr erstes Gretchen. Die stand da und hatte alles vergessen. Nicht ein Wort, alles. Ihre Hände haben gezittert, und der Faust hat schon das Gesicht verzogen. Und ich habe nicht das erste Wort geflüstert. Ich habe ihr den ganzen Satz gesagt, laut, viel zu laut, die erste Reihe hat es gehört: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“
(Sie lacht leise.)
Die erste Reihe hat gelacht. Und sie auch. Und dann hat sie die Frage gestellt, als wäre es ihre eigene, so frech und so ernst, wie ich es nie wieder gehört habe. Sie ist heute sehr bekannt. Sie hat mir jedes Jahr zu meinem Geburtstag eine Karte geschrieben. Darauf steht immer nur ein Wort: „Nun.“
(Sie steht auf und legt das Kissen und das Textbuch in den Kasten.) Ich habe mir überlegt, was ich nachher sage, wenn sie mich verabschieden. Ich habe nichts vorbereitet. (Sie sieht hinunter in den Kasten.) Und mir wird keiner das erste Wort sagen.
(Pause. Sie geht ein paar Schritte in Richtung Seitenbühne, dreht sich noch einmal um.)
Nun. (Sie lächelt.) Das reicht ja.
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Ende des Textes

