Rahel: Die erste Geburt

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Rahel: Ich war die Erste, die sie angefasst hat.

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 402 Wörter
Umfang
402 Wörterungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 21–26redaktionelle Einschätzung
Tonlage
erschöpftleise & nachdenklich
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
Seite

(Ein Treppenhaus in einer Klinik, kurz nach sechs Uhr morgens. Rahel, vierundzwanzig, in Klinikkleidung, sitzt auf den Stufen, das Handy in der Hand. Sie drückt auf Aufnahme.)

Guten Morgen, Oma. Ich weiß, du schläfst noch. Das ist gut. Dann hörst du das, wenn du aufwachst, und ich muss nicht weinen, während du zuhörst.

Ich hab heute Nacht ein Kind geholt. Zum ersten Mal ich. Nicht danebenstehen, nicht Handtücher reichen, nicht das Protokoll schreiben. Meine Hände. Frau Weber, meine Praxisanleiterin, stand hinter mir und hat nichts gesagt. Gar nichts. Ich hab nur gehört, wie sie atmet, und daran hab ich gemerkt, dass alles gut läuft.

Es war ein Mädchen. Drei Uhr siebzehn. Dreitausendzweihundert Gramm. Die Mutter heißt Aylin, sie ist so alt wie ich. Sie hat die ganze Zeit Witze gemacht, bis zum Schluss, und dann hat sie geschrien, und dann war es still, und dann hat das Kind geschrien. (Pause.) Weißt du, wie laut so ein kleiner Mensch sein kann? Natürlich weißt du das. Du hast vierzig Jahre lang Kinder geholt. In einem Dorf ohne Straße, wo der Arzt erst kam, wenn alles vorbei war.

Du hast mir erzählt, dass du nach deiner ersten Geburt drei Stunden am Fluss gesessen hast. Ich hab das nie verstanden. Ich dachte: Warum geht sie nicht nach Hause und schläft? (Sie lacht leise.) Jetzt sitz ich hier. Ich hab keinen Fluss. Ich hab ein Treppenhaus und einen Kaffeeautomaten, der seit Montag kaputt ist. Aber ich kann nicht nach Hause. Wenn ich jetzt nach Hause fahre, ist es ein normaler Tag. Und das ist kein normaler Tag.

Meine Hände zittern immer noch. Nicht während der Geburt. Da waren sie ganz ruhig, als gehörten sie jemand anderem. Erst danach. Als Aylin das Kind auf der Brust hatte und mich angeguckt und gesagt hat: Danke. Ich hab gesagt: Das waren Sie. Das stimmt auch. Aber ich war dabei. Ich war die Erste, die sie angefasst hat. Die Kleine. Vor ihrer Mutter. Vor allen. Das vergesse ich nie.

(Pause.) Oma, ich hab auch Angst. Vor dem ersten Mal, wenn es nicht gut geht. Frau Weber sagt, das kommt. Bei jeder. Und dass man dann trotzdem wiederkommt, am nächsten Tag. Ich hab sie gefragt, wie man das macht. Sie hat gesagt: Man setzt sich ins Treppenhaus und ruft jemanden an.

(Sie steht auf.) Sie heißt übrigens Mira. Die Kleine. Aylin hat gefragt, wie ich heiße, und ich hab Rahel gesagt, und sie hat gesagt, das ist schön, aber Mira war schon vorher klar. (Sie lacht.) Gut so. (Pause.) Ich ruf dich heute Abend an, Oma. Und dann erzählst du mir noch mal das mit dem Fluss. Ganz von vorn.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Rahel nimmt eine Sprachnachricht auf. Sie muss nicht auf Antworten warten und kann sich Zeit lassen. Nutze die Umstände: die Müdigkeit nach der Nachtschicht, das frühe Licht, das kalte Treppenhaus.
  • Das Handy ist die wichtigste Requisite. Halte es so, wie man es um sechs Uhr morgens hält, und vergiss nicht, dass jemand Vertrautes zuhören wird.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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