(Eine Sakristei. Ein Tisch, ein Schrank mit Talaren, ein Stapel Liederbücher. Paulina, zehn, sitzt auf einem viel zu großen Stuhl, die Arme verschränkt, ein gefalteter Zettel in der Hand. Pfarrerin Brandt hängt gerade ihren Talar auf.)
Frau Brandt, ich muss mit Ihnen reden. Unter vier Augen. (Pause.) Ja, wir sind allein. Ich wollte es nur offiziell sagen.
Es geht um die Liste. (Sie zeigt zur Tür.) Da steht wieder „Schaf“. Paulina: Schaf. Das ist jetzt das dritte Jahr. Ich war mit acht ein Schaf, und letztes Jahr war ich ein Schaf mit Husten, weil ich krank war. Das zählt trotzdem.
(Sie faltet den Zettel auf und liest vor.) Punkt eins: Ich kann den ganzen Text auswendig. Von allen. Auch von Maria. Punkt zwei: Ich stehe nie im Weg. Punkt drei: Ich habe zwei Jahre lang „Mäh“ gesagt, und zwar sehr gut. Herr Nolte hat gesagt, mein Mäh ist das beste Mäh, das er je gehört hat.
(Pause. Sie hört zu.) Ja, ich weiß, dass Schafe wichtig sind. Das sagen Sie jedes Jahr. Die Schafe waren zuerst da und so. (Leiser.) Aber die Engel dürfen singen. Und sie haben Flügel aus Pappe mit Glitzer. Und sie dürfen auf der Kanzel stehen. Ich stehe immer hinten bei der Krippe und rieche nach dem Kostüm von Lukas, das hatte er vor mir.
(Sie liest weiter.) Punkt vier: Ich habe einen Vorschlag. Ich könnte ein Engel sein, der früher ein Schaf war. Das wäre eine Entwicklung. Wie in einem richtigen Film.
(Pause.) Nein? (Sie seufzt.) Okay. Punkt fünf. Den wollte ich eigentlich nicht nehmen. Darf das Schaf dieses Jahr wenigstens einen Satz sagen? Nur einen. Ich hab ihn schon ausgesucht.
(Paulina steht auf, stellt sich auf den Stuhl und breitet die Arme aus wie Flügel.)
„Fürchtet euch nicht.“ (Pause. Sie klettert wieder herunter.) Ich weiß, das sagt eigentlich der Engel. Aber wenn das Schaf das sagt, haben die Leute noch weniger Angst. Weil ein Schaf ja nichts tut.
(Sie hört zu und strahlt.) Echt? Dann bleib ich Schaf. Aber mit Satz. Ein Schaf hat auch Gefühle, Frau Brandt. (An der Tür, über die Schulter.) Und ich will das Kostüm waschen lassen.
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