Melchthal: „O eine edle Himmelsgabe ist das Licht des Auges“

Monolog · Weimarer Klassik · Blankvers

Arnold vom Melchthal: Sterben ist nichts — doch leben und nicht sehen

aus Wilhelm Tell (1804) von Friedrich Schiller · I. Aufzug, 4. Szene

Originaltext · Wilhelm Tell, Friedrich Schiller (1804)eingerichtet
Dauer
ca. 2 Mingeschätzt, 209 Wörter
Umfang
31 Verseeingerichtet
Figur
männlich
Spielalter
ca. 18–30redaktionelle Einschätzung
Tonlage
erstickternst & dramatisch
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert

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Inhalt
Seite

(Im Haus Walther Fürsts in Uri. Arnold vom Melchthal hält sich hier versteckt, seit er einen Knecht des Landvogts geschlagen hat. Eben erzählt ein Besucher, was der Vogt dafür seinem Vater angetan hat.)

  1. Niemals! Niemals wieder!

(Er drückt die Hand vor die Augen, und schweigt einige Momente, dann wendet er sich von dem einen zu dem andern, und spricht mit sanfter, von Tränen erstickter Stimme.)

  1. O eine edle Himmelsgabe ist
  2. Das Licht des Auges — Alle Wesen leben
  3. Vom Lichte, jedes glückliche Geschöpf —
  4. Die Pflanze selbst kehrt freudig sich zum Lichte.
  5. Und er muss sitzen, fühlend, in der Nacht,
  6. Im ewig finstern — ihn erquickt nicht mehr
  7. Der Matten warmes Grün, der Blumen Schmelz,
  8. Die roten Firnen kann er nicht mehr schauen —
  9. Sterben ist nichts — doch leben und nicht sehen,
  10. Das ist ein Unglück — Warum seht ihr mich
  11. So jammernd an? Ich hab’ zwei frische Augen,
  12. Und kann dem blinden Vater keines geben,
  13. Nicht einen Schimmer von dem Meer des Lichts,
  14. Das glanzvoll, blendend, mir ins Auge dringt.

[…]

  1. Nichts als den Stab dem augenlosen Greis!
  2. Alles geraubt, und auch das Licht der Sonne,
  3. Des Ärmsten allgemeines Gut — Jetzt rede
  4. Mir keiner mehr von Bleiben, von Verbergen!
  5. Was für ein feiger Elender bin ich,
  6. Dass ich auf meine Sicherheit gedacht,
  7. Und nicht auf Deine — dein geliebtes Haupt
  8. Als Pfand gelassen in des Wütrichs Händen!
  9. Feigherz’ge Vorsicht fahre hin — Auf nichts
  10. Als blutige Vergeltung will ich denken,
  11. Hinüber will ich — Keiner soll mich halten —
  12. Des Vaters Auge von dem Landvogt fodern —
  13. Aus allen seinen Reisigen heraus
  14. Will ich ihn finden — Nichts liegt mir am Leben,
  15. Wenn ich den heißen ungeheuren Schmerz
  16. In seinem Lebensblute kühle.

(Er will gehen.)

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Spielhinweise

  • Schiller schreibt den Anfang ausdrücklich „mit sanfter, von Tränen erstickter Stimme“. Beginne leise, beinahe ohne Kraft.
  • Der Umschlag kommt nach dem gestrichenen Einwurf: Der Vater hat alles verloren. Aus Trauer wird Wut. Gib diesem Wechsel einen klaren Moment.
  • Melchthal fühlt sich schuldig, weil er sich in Sicherheit gebracht hat. Diese Schuld treibt ihn mehr als der Hass.
  • Zum Schluss will er gehen. Der Abgang ist Teil des Monologs: Endet die Fassung im Aufbruch, ist ihr Spielziel sichtbar.

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