Emil: Vor dem Rathaus

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Emil: Die Stufen sind nicht so hoch, Papa.

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Dauer
ca. 4,5 Mingeschätzt, 554 Wörter
Umfang
554 Wörterungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 16–18redaktionelle Einschätzung
Tonlage
aufgeregtleidenschaftlich
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
Seite

(Die Stufen eines Rathauses. Ein kleiner Lautsprecher, ein Mikrofon auf einem Ständer. Emil, siebzehn, Regenjacke, ein gefalteter Zettel in der Hand. Vor ihm der Platz voller Menschen mit Schildern. Er tippt an das Mikrofon.)

Hallo? Hört man mich hinten? (Rufe.) Okay. Gut. Ich bin Emil. Ich gehe in die zwölfte Klasse am Gymnasium an der Weststraße. Ich hab das hier aufgeschrieben, weil ich sonst zu schnell rede. (Er liest.) „Liebe Mitschülerinnen und Mitschüler, liebe Eltern, liebe Großeltern, die mit uns hier stehen.“

(Er liest weiter, etwas zu schnell.) „Vor sieben Jahren hat diese Stadt den Klimanotstand erklärt. Damals standen wir auch hier. Viele von uns waren zehn. Wir haben Plakate gemalt, auf denen Erdbälle geweint haben. Der Stadtrat hat uns damals gesagt: Ihr habt recht. Und dann hat er einen Beschluss gefasst. Mit Ausrufezeichen.“

„Diese Woche hat derselbe Stadtrat beschlossen, dass der Radweg durch die Innenstadt um fünf Jahre verschoben wird. Und dass die Linie vierzehn eingestellt wird, die einzige Buslinie, die nach zwanzig Uhr noch in die Dörfer fährt.“ (Pfiffe.) „Die Begründung ist das Geld. Das verstehen wir. Wir können auch rechnen. Wir haben in Mathe gerade Exponentialfunktionen. Wir wissen, was passiert, wenn man etwas fünf Jahre aufschiebt, das schneller wächst als man selbst.“

(Applaus. Emil sieht kurz nach oben zum Fenster, dann wieder auf den Zettel. Er faltet ihn langsam zusammen.)

Meine Oma wohnt in Kirchdorf. Sie ist einundachtzig und fährt nicht mehr Auto. Mit der Vierzehn kommt sie donnerstags zum Chor und abends wieder nach Hause. Ab Januar kommt sie nur noch hin. (Gelächter, dann Applaus.) Das ist kein Witz. Das ist die neue Taktung.

Ich wollte jetzt eigentlich über den Hitzesommer reden. Über die Bäume an der Kanalstraße, die wir letztes Jahr gegossen haben, weil die Stadt keine Leute dafür hatte. Das steht alles auf dem Zettel. (Er steckt ihn ein.) Aber ihr wisst das. Ihr wart ja dabei.

(Er dreht sich halb zum Rathaus.) Da oben am Fenster steht der Bürgermeister. Ihr kennt ihn von den Plakaten. Ich kenne ihn vom Frühstück. (Gelächter.) Ja. Das ist mein Vater.

Hallo, Papa.

(Stille auf dem Platz.)

Ich hab dir gestern Abend gesagt, dass ich heute hier rede. Du hast gesagt: Mach das. Das ist dein gutes Recht. Und dann hast du gesagt: Aber du weißt, wie schwer das ist mit dem Haushalt. Ja, Papa. Ich weiß das. Du erzählst mir das seit acht Jahren beim Abendessen. Ich kenne den Haushalt dieser Stadt besser als meinen Stundenplan.

Weißt du, was ich noch weiß? Hier, genau hier auf dem Platz, hast du mir das Radfahren beigebracht. Ich war fünf. Du bist neben mir hergerannt und hast den Gepäckträger festgehalten. Und irgendwann hast du losgelassen, ohne es mir zu sagen. Ich bin bis zum Brunnen gefahren und hab gedacht, du hältst mich noch. (Pause.) So fühlt sich das gerade an. Nur andersrum. Ich gucke mich um und keiner hält mehr fest.

(Er sieht nach oben.)

Ich sag nicht, dass du ein schlechter Bürgermeister bist. Du bist der, der nachts noch E-Mails beantwortet. Du bist der, der bei jedem Vereinsfest eine Rede hält, auch beim Kaninchenzüchterverein. Du bist bestimmt der fleißigste Mann in diesem Gebäude. Aber Fleiß ist kein Plan. Und Verschieben ist keine Entscheidung. Verschieben heißt nur, dass jemand anderes entscheiden muss. Später. Das sind wir. Das sind die hier.

(Zur Menge.) Wir wollen nicht, dass hier oben jemand Angst vor uns hat. Wir wollen, dass hier oben jemand mit uns rechnet. Im doppelten Sinn.

(Applaus. Emil wartet, bis es ruhiger wird. Er nimmt das Mikrofon aus dem Ständer und dreht sich ganz zum Fenster.)

Papa. Du musst jetzt keine Rede halten. Du musst auch nicht sagen, dass wir recht haben. Komm einfach runter. Setz dich auf die Stufen. Hör dir zehn Minuten lang an, was die Leute hier sagen, ohne Zettel und ohne Haushalt. Danach können wir streiten. Zu Hause. Beim Abendessen.

(Er wartet. Leiser.) Die Stufen sind nicht so hoch, Papa. Ich hab sie gezählt. Es sind vierzehn. Wie die Buslinie.

(Er stellt das Mikrofon zurück in den Ständer und bleibt stehen, den Blick nach oben.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Emil ist kein Profi auf der Bühne. Er beginnt mit dem Zettel, findet aber im Lauf der Rede seine eigene Stimme. Mach den Moment hörbar, in dem er den Zettel weglegt.
  • Der Vater ist kein Gegner aus dem Lehrbuch. Emil liebt ihn und ist wütend auf ihn. Diesen Konflikt trägt der Text; spiele beides gleichzeitig.
  • Achte auf die Menge. Rufe, Applaus und Stille verändern Emils Tempo. Für das Vorsprechen reicht es, die Reaktionen kurz abzuwarten.
  • Die letzte Bitte ist leise, obwohl sie ins Mikrofon geht. Das Spielziel ist erreicht oder nicht erreicht; lass das offen.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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