Anouk: Das Bild

Monolog · Gegenwart · Blankvers

Anouk: Ich habe nichts gemalt. Nur weggenommen.

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 300 Wörter
Umfang
42 Verseungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 27–33redaktionelle Einschätzung
Tonlage
zärtlichleise & nachdenklich
Sprache
Blankvers

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Inhalt
Seite

(Eine Restaurierungswerkstatt. Eine Staffelei unter einer hellen Lampe, darauf ein dunkles Porträt in einem schweren Rahmen. Daneben ein Rollwagen mit Pinseln, Tupfern, einer Lupe. Anouk, Anfang dreißig, im weißen Kittel, zieht die Handschuhe aus.)

  1. Du gehst zurück. Der Wagen kommt um acht.
  2. Zwei Männer, Handschuh, Kiste, Schaumstoff, Gurt,
  3. und dann hängst du im zweiten Stock, Saal neun,
  4. mit einem Schildchen: Unbekannte Frau.
  1. Ich kenne deinen Namen auch nicht. Doch
  2. ich kenne jeden Riss in deiner Stirn.
  3. Zwei Jahre lang, an jedem Werktag, früh,
  4. bevor die andern kamen, saß ich hier
  5. mit Lupe, Tupfer, Lösemittel, Licht
  6. und nahm dir ab, was andre auf dich trugen:
  7. den gelben Firnis, Ruß aus vielen Wintern,
  8. den Fingerabdruck eines Kirchendieners.
  1. Und unter all dem, unter einer Schicht
  2. von fremder Farbe, später aufgetragen,
  3. fand ich in deiner linken Hand ein Buch.
  4. Man hatte dir ein Hündchen hingemalt,
  5. ein weißes, das dich lieb von unten ansieht,
  6. weil eine Frau mit Buch nicht schicklich war,
  7. vermute ich, so achtzehnhundertzehn.
  1. Ich hab den Hund entfernt. Nicht ganz, er war
  2. ja auch schon alt und hatte Rechte, fast.
  3. Ich hab ihn abgelichtet, eh er ging.
  4. Und dann, ganz langsam, Millimeter um
  5. Millimeter, kam dein Daumen wieder vor,
  6. der zwischen Seiten liegt, als wolltest du
  7. nur kurz aufsehen und dann weiterlesen.

(Sie tritt einen Schritt zurück.)

  1. Du siehst nicht mich an. Du siehst durch mich durch,
  2. zu jemand, der dich unterbrochen hat.
  3. Ich glaube, das war ich. Zwei Jahre lang.
  4. Ich hab mit dir geredet, manchmal laut,
  5. von meiner Mutter und von dem, was fehlt.
  6. Du hast nicht widersprochen. Das war gut.
  1. Und morgen stehen Leute vor dir, schnell,
  2. und bleiben stehen, kurz, ein Atemzug,
  3. und sehen eine Frau mit einem Buch.
  4. Nicht mehr mit Hund. Das ist mein ganzes Werk:
  5. Ich habe nichts gemalt. Nur weggenommen.
  6. So ist das bei uns: Gut ist, wer nicht auffällt.

(Sie schaltet die Lampe aus. Nur noch das Licht aus dem Flur.)

  1. Und morgen früh, wenn sie dich holen kommen,
  2. dann les ich nicht. Ich schau nur einmal auf.
  3. So wie du jetzt. Und dann geh ich zur Tür
  4. und lass dich lesen. Endlich. Ungestört.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Der Text ist in Blankversen geschrieben: fünfhebige Jamben ohne Reim. Sprich sie natürlich und lass die Gedanken über die Zeilenenden laufen; das Metrum trägt von selbst. Mehr zum Blankvers.
  • Anouk spricht leise, als könnte das Bild aufwachen. Gib dem Porträt einen festen Punkt im Raum, etwas über Augenhöhe.
  • Der Satz über die Mutter und das, was fehlt, ist der einzige persönliche Moment. Geh nicht hinein; Anouk erwähnt ihn, wie man einen Riss erwähnt.
  • Der Schluss kehrt das Bild um: Jetzt schaut Anouk auf, wie die Frau auf dem Bild. Nimm diese Haltung körperlich an.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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