Iris und Chris: Das Ende

Dialog · 2 Personen · Gegenwart · Alltagssprache

Iris und Chris: Ich bin nur dafür da, dass es gut wird. Nicht dafür, dass es wahr wird.

Freier Text von SceneTalent

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Dauer
ca. 5 Mingeschätzt, 610 Wörter
Umfang
610 WörterIris · Chris
Figuren
weiblich + offen
Spielalter
ca. 38–46redaktionelle Einschätzung
Tonlage
leidenschaftlichleidenschaftlich
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
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(Eine Küche um drei Uhr nachts. Ein Laptop, ein Stapel ausgedruckter Seiten mit roten Anmerkungen, zwei Weingläser, eins davon leer. Iris, vierundvierzig, läuft auf und ab. Chris, einundvierzig, sitzt am Tisch und liest.)

Iris

Und?

Stichwort: „Und?“

Chris

Ich lese noch.

Stichwort: „Ich lese noch.“

Iris

Du liest seit zwanzig Minuten zwei Seiten.

Stichwort: „… liest seit zwanzig Minuten zwei Seiten.“

Chris

Ich lese sie zum dritten Mal.

Stichwort: „Ich lese sie zum dritten Mal.“

Iris

Das ist ein schlechtes Zeichen.

Stichwort: „Das ist ein schlechtes Zeichen.“

Chris

Das ist ein gründliches Zeichen.

Stichwort: „Das ist ein gründliches Zeichen.“

(Chris legt die Seiten hin.)

Chris

Sie stirbt.

Stichwort: „Sie stirbt.“

Iris

Ja.

Stichwort: „Ja.“

Chris

Gestern Abend hat sie noch gelebt. Gestern Abend kam sie zurück, stand vor der Tür, mit dem gelben Koffer, und die beiden haben auf der Treppe gesessen und geweint.

Stichwort: „… auf der Treppe gesessen und geweint.“

Iris

Das war Kitsch. Du hast selbst gesagt, das ist Kitsch.

Stichwort: „… hast selbst gesagt, das ist Kitsch.“

Chris

Ich hab gesagt, die Treppe ist Kitsch. Und der Koffer. Ich hab nicht gesagt, du sollst sie umbringen.

Stichwort: „… nicht gesagt, du sollst sie umbringen.“

Iris

Ich hab sie nicht umgebracht. Sie hatte einen Autounfall. In Portugal. Auf der Küstenstraße. Das ist realistisch.

Stichwort: „… Auf der Küstenstraße. Das ist realistisch.“

Chris

Das ist bequem.

Stichwort: „Das ist bequem.“

Iris

(Sie bleibt stehen.) Bitte?

Stichwort: „Bitte?“

Chris

Es ist bequem, Iris. Wenn sie tot ist, muss keine von beiden was sagen. Keine Entschuldigung, keine Erklärung. Man weint auf Seite dreihundertzwölf, klappt das Buch zu und denkt: Wie traurig. Und niemand fragt mehr, warum Marlene damals gegangen ist.

Stichwort: „… mehr, warum Marlene damals gegangen ist.“

Iris

Weil das keine Rolle spielt.

Stichwort: „Weil das keine Rolle spielt.“

Chris

Das ist die einzige Frage, die eine Rolle spielt. Das ganze Buch ist diese Frage. Dreihundert Seiten lang fragt Ruth: Warum bist du gegangen? Und auf der letzten Seite fährst du Marlene gegen eine Leitplanke, damit Ruth die Antwort nie hören muss.

Stichwort: „… Ruth die Antwort nie hören muss.“

Iris

Damit ich sie nicht schreiben muss.

Stichwort: „Damit ich sie nicht schreiben muss.“

(Stille.)

Chris

(Vorsichtig.) Ja. Damit du sie nicht schreiben musst.

Stichwort: „… Damit du sie nicht schreiben musst.“

Iris

Ich weiß die Antwort nicht, Chris. Das ist das Problem. Ich weiß sie nicht. Ich hab zwölf Jahre lang Theorien gehabt. Sie war unglücklich. Sie war verliebt. Sie hat unseren Vater gehasst. Sie hat mich gehasst. Ich hab alle Theorien in das Buch geschrieben. Jedes Kapitel eine. Und keine stimmt.

Stichwort: „… Jedes Kapitel eine. Und keine stimmt.“

Chris

Du sagst „sie“.

Stichwort: „Du sagst „sie“.“

Iris

Was?

Stichwort: „Was?“

Chris

Du sagst „sie“, nicht „Marlene“. Seit zehn Minuten.

Stichwort: „… „sie“, nicht „Marlene“. Seit zehn Minuten.“

Iris

(Sie setzt sich.) Natürlich weißt du das. Du weißt das seit dem ersten Entwurf.

Stichwort: „… weißt das seit dem ersten Entwurf.“

Chris

Seit Seite elf. Da geht Marlene aus dem Haus und lässt die Gartentür offen. Du hast mir vor fünf Jahren auf einer Party erzählt, dass Nele die Gartentür offen gelassen hat. Und dass dein Vater sie danach nie wieder repariert hat. Damit sie offen bleibt.

Stichwort: „… repariert hat. Damit sie offen bleibt.“

Iris

Ich war betrunken.

Stichwort: „Ich war betrunken.“

Chris

Du warst traurig. Das sieht manchmal gleich aus.

Stichwort: „… traurig. Das sieht manchmal gleich aus.“

Iris

Und warum hast du nie was gesagt?

Stichwort: „… warum hast du nie was gesagt?“

Chris

Weil es dein Buch ist. Ich bin nur dafür da, dass es gut wird. Nicht dafür, dass es wahr wird.

Stichwort: „… Nicht dafür, dass es wahr wird.“

Iris

(Bitter.) Und jetzt ist es nicht gut.

Stichwort: „Und jetzt ist es nicht gut.“

Chris

Jetzt ist es nicht ehrlich. Das ist bei dir dasselbe.

Stichwort: „… ehrlich. Das ist bei dir dasselbe.“

(Iris steht auf, nimmt die Seiten und will sie zerreißen. Sie hört auf.)

Iris

Um neun will der Verlag das Manuskript. Wir haben keine Zeit für Ehrlichkeit. Wir haben sechs Stunden.

Stichwort: „… für Ehrlichkeit. Wir haben sechs Stunden.“

Chris

(Nach einer Pause.) Ich muss dir was sagen.

Stichwort: „Ich muss dir was sagen.“

Iris

Nein. Bitte nicht. Ich kann heute nichts mehr hören.

Stichwort: „… Ich kann heute nichts mehr hören.“

Chris

Vor drei Wochen kam ein Brief in den Verlag. An dich, über uns. Aus Lissabon.

Stichwort: „… An dich, über uns. Aus Lissabon.“

(Iris erstarrt.)

Chris

Sie hat die Vorschau gesehen. Im Internet. Den Titel, das Foto von dir, die zwei Sätze über das Buch. Zwei Schwestern, eine geht, eine bleibt.

Stichwort: „… Zwei Schwestern, eine geht, eine bleibt.“

Iris

Was steht drin?

Stichwort: „Was steht drin?“

Chris

Ich hab ihn nicht aufgemacht. Er liegt in meiner Tasche. Seit drei Wochen.

Stichwort: „… in meiner Tasche. Seit drei Wochen.“

Iris

(Leise, sehr wütend.) Drei Wochen.

Stichwort: „Drei Wochen.“

Chris

Ich wollte, dass du das Ende schreibst, bevor du ihn liest. Damit das Buch deins bleibt. Damit es nicht ihr Ende wird.

Stichwort: „… Damit es nicht ihr Ende wird.“

Iris

Das hattest du nicht zu entscheiden.

Stichwort: „Das hattest du nicht zu entscheiden.“

Chris

Nein. Hatte ich nicht. (Chris holt den Brief aus der Tasche und legt ihn auf die Seiten.) Deswegen liegt er jetzt hier.

Stichwort: „… nicht. Deswegen liegt er jetzt hier.“

(Iris sieht den Brief an. Sie fasst ihn nicht an.)

Iris

Wenn ich ihn aufmache, ist das Buch kaputt. Egal, was drinsteht.

Stichwort: „… das Buch kaputt. Egal, was drinsteht.“

Chris

Vielleicht. Vielleicht wird es auch zum ersten Mal fertig.

Stichwort: „… es auch zum ersten Mal fertig.“

Iris

(Lange Pause.) Was würdest du machen?

Stichwort: „Was würdest du machen?“

Chris

Ich würde die letzte Seite neu schreiben. Ohne Unfall. Ohne Treppe. Ruth sitzt in der Küche. Es ist Nacht. Es klingelt. Und das Buch hört auf, bevor sie aufmacht.

Stichwort: „… Buch hört auf, bevor sie aufmacht.“

Iris

Ein offenes Ende. Du hasst offene Enden.

Stichwort: „… offenes Ende. Du hasst offene Enden.“

Chris

Ich hasse feige offene Enden. Das hier wäre keins.

Stichwort: „… offene Enden. Das hier wäre keins.“

(Iris setzt sich an den Laptop. Sie tippt. Sie hört auf. Sie tippt weiter. Chris schenkt Wein nach, nur ins eigene Glas.)

Iris

(Ohne aufzusehen.) Den Brief les ich übermorgen. Wenn das Buch weg ist.

Stichwort: „… übermorgen. Wenn das Buch weg ist.“

Chris

Gut.

Stichwort: „Gut.“

Iris

Und du bleibst, bis ich fertig bin.

Stichwort: „… du bleibst, bis ich fertig bin.“

Chris

Ich bleibe.

Stichwort: „Ich bleibe.“

Iris

Und wenn ich ihn lese, sitzt du daneben.

Stichwort: „… ich ihn lese, sitzt du daneben.“

Chris

(Ein kleines Lächeln.) Steht das in meinem Vertrag?

Stichwort: „Steht das in meinem Vertrag?“

Iris

Jetzt schon.

Stichwort: „Jetzt schon.“

(Sie tippt. Chris liest über ihre Schulter mit.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene

Spielhinweise

  • Chris ist offen angelegt und lässt sich in jeder Besetzung spielen. Die beiden streiten wie Menschen, die sich sehr gut kennen: schnell, genau, ohne Schonung und doch nie mit der Absicht zu verletzen.
  • Hinter dem Streit über das Romanende liegt der eigentliche Konflikt: Iris weiß nicht, warum ihre Schwester gegangen ist, und will es auch nicht wissen.
  • Der Brief ist der Wendepunkt. Bis dahin hält Chris die Fäden in der Hand, danach Iris.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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