Gül und Stephan: Nach der Sitzung

Dialog · 2 Personen · Gegenwart · Alltagssprache

Gül und Stephan: Diese Stadt gehört nicht dir. Sie gehört nicht mal mir.

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Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 426 Wörter
Umfang
426 WörterStephan · Gül
Figuren
weiblich + männlich
Spielalter
ca. 38–46redaktionelle Einschätzung
Tonlage
vertraulichleidenschaftlich
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
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(Ein Amtszimmer. Ein großer Schreibtisch, ein Besprechungstisch, an der Wand das Stadtwappen. Gül, Anfang vierzig, räumt Akten zusammen. Stephan, Mitte vierzig, steht in der Tür, Mantel über dem Arm.)

Stephan

Fünf Minuten, Gül. Dann bist du mich los.

Stichwort: „… Gül. Dann bist du mich los.“

Gül

Herr Brandt. Es ist elf. Die Sitzung ist vorbei.

Stichwort: „… ist elf. Die Sitzung ist vorbei.“

Stephan

„Herr Brandt.“ Wir haben zusammen Abitur gemacht. Du hast in Mathe bei mir abgeschrieben.

Stichwort: „… hast in Mathe bei mir abgeschrieben.“

Gül

Andersherum.

Stichwort: „Andersherum.“

Stephan

(Er lacht, kommt herein, setzt sich an den Besprechungstisch.) Gut gemacht heute. Die Rede zum Schulzentrum. „Ein Ort, an dem kein Kind vergessen wird.“ Da hatte sogar der Fraktionschef der Opposition feuchte Augen.

Stichwort: „… der Fraktionschef der Opposition feuchte Augen.“

Gül

Was willst du, Stephan?

Stichwort: „Was willst du, Stephan?“

Stephan

Dir helfen. Das Schulzentrum ist das größte Projekt, das diese Stadt seit dreißig Jahren hatte. Wenn das schiefgeht, bist du in zwei Jahren weg. Ich sorg dafür, dass es nicht schiefgeht. Pünktlich, im Budget, mit Leuten von hier.

Stichwort: „… im Budget, mit Leuten von hier.“

Gül

Dann bewirb dich. Du hast dich beworben. Die Vergabe ist in zwei Wochen.

Stichwort: „… Die Vergabe ist in zwei Wochen.“

Stephan

(Er legt einen Umschlag auf den Tisch.) Für den Förderverein deines Sportvereins. Die brauchen doch neue Trikots. Spende, ganz offiziell. Mit Quittung, wenn du willst.

Stichwort: „… offiziell. Mit Quittung, wenn du willst.“

(Gül sieht auf den Umschlag. Sie rührt ihn nicht an.)

Gül

Nimm das wieder mit.

Stichwort: „Nimm das wieder mit.“

Stephan

Es ist für die Kinder.

Stichwort: „Es ist für die Kinder.“

Gül

Es ist für mich. Und ich bin die, die in zwei Wochen abstimmt. Nimm das mit, Stephan, und ich vergesse, dass es auf dem Tisch lag.

Stichwort: „… dass es auf dem Tisch lag.“

(Stephan lehnt sich zurück.)

Stephan

Wie geht es eigentlich Kerem?

Stichwort: „Wie geht es eigentlich Kerem?“

Gül

(Pause.) Gut.

Stichwort: „Gut.“

Stephan

Das freut mich. Der Junge war ein guter Arbeiter. 2017, 2018 bei mir auf dem Bau. Nicht ganz angemeldet, du weißt ja, er hatte damals Schulden, er brauchte das Geld bar. Ich hab ihm geholfen. Ich hab nie jemandem davon erzählt. Ich hab auch nicht vor, das jetzt zu tun.

Stichwort: „… nicht vor, das jetzt zu tun.“

Gül

Du drohst mir.

Stichwort: „Du drohst mir.“

Stephan

Ich erinnere mich. Das ist ein Unterschied. Die Leute in dieser Stadt erinnern sich gern. Besonders an die Familie der Bürgermeisterin.

Stichwort: „… Besonders an die Familie der Bürgermeisterin.“

(Lange Pause. Gül setzt sich an den Schreibtisch, nimmt einen Block und einen Stift.)

Gül

Uhrzeit: dreiundzwanzig Uhr vier. Anwesend: Bürgermeisterin Gül Arslan, Stephan Brandt, Brandt Bau GmbH, Bieter im Vergabeverfahren Schulzentrum. (Sie schreibt.) Herr Brandt legt einen Umschlag auf den Tisch und bezeichnet den Inhalt als Spende. Herr Brandt erwähnt in diesem Zusammenhang eine frühere, nicht angemeldete Beschäftigung meines Bruders in seinem Unternehmen.

Stichwort: „… Beschäftigung meines Bruders in seinem Unternehmen.“

Stephan

Was machst du da?

Stichwort: „Was machst du da?“

Gül

Ein Gedächtnisprotokoll. Das geht morgen früh an das Rechnungsprüfungsamt und an die Antikorruptionsstelle. Den Umschlag lege ich ungeöffnet dazu. Und Kerem rufe ich heute Nacht noch an. Er wird zur Steuerberatung gehen und das selbst in Ordnung bringen. Er ist erwachsen. Er schafft das.

Stichwort: „… Er ist erwachsen. Er schafft das.“

Stephan

Du ruinierst deinen eigenen Bruder für einen Schulbau?

Stichwort: „… deinen eigenen Bruder für einen Schulbau?“

Gül

Ich ruiniere niemanden. Du hast ihm damals keine Sozialversicherung bezahlt und mir heute Geld angeboten. Das hast du gemacht. Ich schreibe es nur auf.

Stichwort: „… gemacht. Ich schreibe es nur auf.“

Stephan

Das wird für dich ein Skandal. Nicht für mich.

Stichwort: „… dich ein Skandal. Nicht für mich.“

Gül

Vielleicht. Dann bin ich in zwei Jahren weg. (Sie steht auf.) Aber das Schulzentrum wird gebaut. Von dem, der das beste Angebot macht. Diese Stadt gehört nicht dir. Sie gehört nicht mal mir. (Sie öffnet die Tür.) Gute Nacht, Herr Brandt. Den Mantel nicht vergessen.

Stichwort: „… Herr Brandt. Den Mantel nicht vergessen.“

(Stephan steht langsam auf. Er sieht auf den Umschlag. Gül stellt sich davor.)

Gül

Der bleibt hier. Das ist jetzt ein Beweisstück.

Stichwort: „… hier. Das ist jetzt ein Beweisstück.“

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Ende der Szene

Spielhinweise

  • Stephan ist kein Schurke aus dem Film. Er ist freundlich, vertraut, fast väterlich. Gerade das macht ihn gefährlich. Spielt den Status zunächst gleich hoch.
  • Der Umschlag liegt die ganze Zeit auf dem Tisch. Niemand fasst ihn an. Am Ende stellt sich Gül davor. Er ist die wichtigste Requisite der Szene.
  • Gül wird nicht laut. Ihre Antwort ist ein Verfahren: Sie protokolliert. Die Kälte, mit der sie das tut, ist ihr Mut.
  • Die Szene funktioniert für das Szenenstudium auch, wenn man sie nach Stephans Drohung unterbricht und die Entscheidung improvisiert.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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