Tasso: „Bist du aus einem Traum erwacht“

Monolog · Weimarer Klassik · Blankvers

Torquato Tasso: Bist du aus einem Traum erwacht

aus Torquato Tasso (1790) von Johann Wolfgang von Goethe · IV. Aufzug, 1. Auftritt

Originaltext · Torquato Tasso, Johann Wolfgang von Goethe (1790)ungekürzt
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 380 Wörter
Umfang
52 Verseungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 20–38redaktionelle Einschätzung
Tonlage
verletztleidenschaftlich
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
PDF-Optionen
  1. Bist du aus einem Traum erwacht, und hat
  2. Der schöne Trug auf einmal dich verlassen?
  3. Hat dich nach einem Tag der höchsten Lust
  4. Ein Schlaf gebändigt, hält und ängstet nun
  5. Mit schweren Fesseln deine Seele? Ja,
  6. Du wachst und träumst. Wo sind die Stunden hin,
  7. Die um dein Haupt mit Blumenkränzen spielten?
  8. Die Tage, wo dein Geist mit freier Sehnsucht
  9. Des Himmels ausgespanntes Blau durchdrang?
  10. Und dennoch lebst du noch, und fühlst dich an,
  11. Du fühlst dich an, und weißt nicht ob du lebst.
  12. Ist’s meine Schuld, ist’s eines andern Schuld,
  13. Dass ich mich nun als schuldig hier befinde?
  14. Hab’ ich verbrochen, dass ich leiden soll?
  15. Ist nicht mein ganzer Fehler ein Verdienst?
  16. Ich sah ihn an, und ward vom guten Willen,
  17. Vom Hoffnungswahn des Herzens übereilt:
  18. Der sei ein Mensch, der menschlich Ansehn trägt.
  19. Ich ging mit off’nen Armen auf ihn los,
  20. Und fühlte Schloss und Riegel, keine Brust.
  21. O hatt’ ich doch so klug mir ausgedacht,
  22. Wie ich den Mann empfangen wollte, der
  23. Von alten Zeiten mir verdächtig war!
  1. Allein was immer dir begegnet sei,
  2. So halte dich an der Gewissheit fest:
  3. Ich habe sie gesehn! Sie stand vor mir!
  4. Sie sprach zu mir, ich habe sie vernommen!
  5. Der Blick, der Ton, der Worte holder Sinn,
  6. Sie sind auf ewig mein, es raubt sie nicht
  7. Die Zeit, das Schicksal, noch das wilde Glück,
  8. Und hob mein Geist sich da zu schnell empor,
  9. Und ließ ich allzu rasch in meinem Busen
  10. Der Flamme Luft, die mich nun selbst verzehrt,
  11. So kann mich’s nicht gereun, und wäre selbst
  12. Auf ewig das Geschick des Lebens hin.
  13. Ich widmete mich ihr, und folgte froh
  14. Dem Winke, der mich in’s Verderben rief.
  15. Es sei! So hab’ ich mich doch wert gezeigt
  16. Des köstlichen Vertrauns, das mich erquickt,
  17. In dieser Stunde selbst erquickt, die mir
  18. Die schwarze Pforte langer Trauerzeit
  19. Gewaltsam öffnet. — Ja, nun ist’s getan!
  1. Es geht die Sonne mir der schönsten Gunst
  2. Auf einmal unter; seinen holden Blick
  3. Entziehet mir der Fürst, und lässt mich hier
  4. Auf düstrem, schmalen Pfad verloren stehn.
  5. Das hässliche zweideutige Geflügel,
  6. Das leidige Gefolg’ der alten Nacht,
  7. Es schwärmt hervor und schwirrt mir um das Haupt.
  8. Wohin, wohin beweg’ ich meinen Schritt?
  9. Dem Ekel zu entfliehn, der mich umsaust,
  10. Dem Abgrund zu entgehn, der vor mir liegt?

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Ein innerer Monolog in Versform: Tasso spricht mit sich selbst, oft in der zweiten Person („Bist du …“). Kläre, wer in welchem Satz zu wem spricht.
  • Der Blankvers ist bei Goethe glatt und kunstvoll. Tassos Erregung liegt im Inhalt, nicht in der Lautstärke.
  • Der Mittelteil („Ich habe sie gesehn!“) ist der Wendepunkt. Hier findet Tasso Halt; spiele ihn als Trost, der nicht lange hält.
  • Das Bild der Nachtvögel am Ende führt in Angst und Verfolgungsgefühl. Der Monolog endet mit einer offenen Frage.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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