Sappho: „Der Bogen klang, es sitzt der Pfeil!“

Monolog · Biedermeier & Vormärz · Blankvers

Sappho: Der Bogen klang, es sitzt der Pfeil!

aus Sappho (1818) von Franz Grillparzer · III. Aufzug, 2. Auftritt

Originaltext · Sappho, Franz Grillparzer (1818)ungekürzt
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 339 Wörter
Umfang
49 Verseungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 30–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
gekränktleidenschaftlich
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
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(Sappho allein, nach einer Pause.)

  1. Der Bogen klang, (die Hände über der Brust zusammenschlagend) es sitzt der Pfeil! —
  2. Wer zweifelt länger noch? Klar ist es, klar!
  3. Sie lebt in seinem schwurvergess’nen Herzen,
  4. Sie schwebt vor seiner schamentblößten Stirn,
  5. In ihre Hülle kleiden sich die Träume,
  6. Die schmeichelnd sich des Falschen Lager nahn.
  7. Sappho verschmäht, um ihrer Sklavin willen?
  8. Verschmähet! Wer? Beim Himmel! und von wem?
  1. Bin ich dieselbe Sappho denn nicht mehr,
  2. Die Könige zu ihren Füßen sah,
  3. Und, spielend mit der dargebotnen Krone,
  4. Die Stolzen sah und hörte, und — entließ;
  5. Dieselbe Sappho, die ganz Griechenland
  6. Mit lautem Jubel als sein Kleinod grüßte?
  1. O Törin! Warum stieg ich von den Höhn,
  2. Die Lorbeer krönt, wo Aganippe rauscht,
  3. Mit Sternenklang sich Musenchöre gatten,
  4. Hernieder in das engbegrenzte Tal,
  5. Wo Armut herrscht und Treubruch und Verbrechen?
  6. Dort oben war mein Platz, dort an den Wolken,
  7. Hier ist kein Ort für mich, als nur das Grab.
  8. Wen Götter sich zum Eigentum erlesen,
  9. Geselle sich zu Erdenbürgern nicht,
  10. Der Menschen und der Überird’schen Los,
  11. Es mischt sich nimmer in demselben Becher.
  12. Von beiden Welten Eine musst du wählen,
  13. Hast du gewählt, dann ist kein Rücktritt mehr;
  14. Ein Biss nur in des Ruhmes goldne Frucht,
  15. Proserpinens Granatenkernen gleich,
  16. Reiht dich auf ewig zu den stillen Schatten
  17. Und den Lebendigen gehörst du nimmer an!
  18. Mag auch das Leben noch so lieblich blinken,
  19. Mit holden Schmeichellauten zu dir tönen,
  20. Als Freundschaft und als Liebe an dich locken:
  21. Halt ein, Unsel’ger! Rosen willst du brechen
  22. Und drückst dafür dir Dornen in die Brust! —
  1. Ich will sie seh’n, die wundervolle Schönheit,
  2. Die solchen Siegs sich über Sappho freut.
  3. Was soll ich glauben? Lügt denn mein Gedächtnis,
  4. Das, wenn ich’s frage, mir ein albern Kind
  5. Mit blöden Mienen vor die Sinne bringt?
  6. Mit Augen, die den Boden ewig suchen,
  7. Mit Lippen, die von Kinderpossen tönen,
  8. Und leer der Busen, dessen arme Wellen
  9. Nur Lust zu spielen noch und Furcht vor Strafe
  10. Aus ihrer dumpfen Ruhe manchmal weckt.
  11. Wie? oder meinem Aug’ entging wohl jener Reiz,
  12. Der ihn so mächtig zieht in ihre Nähe? —
  13. Melitta! — Ja, ich will sie sehn! — Melitta! —

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Spielhinweise

  • Sappho spricht im Blankvers mit großen mythologischen Bildern (Aganippe, Proserpina). Erkläre sie dir vorher, damit sie nicht nur klingen.
  • Der Monolog schwankt zwischen Hoheit und Eifersucht. Spiele die Herablassung über Melitta als Schutz vor dem eigenen Schmerz.
  • Der Gedanke vom Ruhm als Granatapfel der Proserpina ist der Kern: Wer einmal davon gekostet hat, gehört nicht mehr zu den Lebenden.
  • Der Ruf „Melitta!“ am Ende ist schon Handlung. Mit ihm beginnt die nächste Szene.

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Vorsprech-Set

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