(Ein Mikrofon auf einer leeren Bühne. Die Figur kommt mit Rucksack und halb geschlossener Jacke herein, als wäre sie gerade aus der Bahn gestiegen.)
- Montag. Sechs Uhr zweiundvierzig. Gleis drei.
- Die Bahn kommt zehn Minuten später. Ist mir einerlei.
- Ich halt mich an dem Kaffee fest, der schmeckt nach Pappe und nach Pflicht,
- und neben mir ein Mann im Anzug, Rasierschaum im Gesicht.
- Ein kleiner Klecks, ganz weiß, am Ohr. Er hat ihn nicht gesehn.
- Ich denk: Sag’s ihm. Sag’s nicht. Sag’s ihm. Ach, lass es einfach stehn.
- Denn montags gilt ein Grundgesetz: Hier spricht man nicht so laut.
- Hier schaut man auf sein Handy, auch wenn man gar nichts schaut.
- Die Bahn fährt ein. Wir quetschen uns. Ein Ellbogen im Schal,
- ein Rucksack drückt mir in den Bauch, ein Regenschirm. Egal.
- Zweihundert Leute, dicht an dicht, wir atmen alle schwer.
- So nah war ich seit Wochen keinem andern Menschen mehr.
- Der Mann mit Schaum steht neben mir, wir schwanken Arm an Arm,
- bei jeder Kurve stößt er an und sagt „Verzeihung“, warm,
- viel zu warm für diese Uhrzeit, viel zu warm für diese Bahn.
- Und irgendwas in mir sagt: Jetzt. Jetzt sprich den Mann mal an.
- Ich tipp ihm auf die Schulter und zeig stumm auf mein Ohr.
- Er sieht mich an, als hätt er Angst, ich hätte etwas vor.
- Dann fasst er hin, sieht auf die Hand und lacht ganz ungeniert
- und sagt: „Mein Sohn ist drei. Der hat mich heute früh rasiert.“
- Und plötzlich lacht die halbe Bahn: die Frau mit Kinderwagen,
- der Junge mit dem Skateboard, zwei vom Bau, und keiner muss was sagen.
- Das Grundgesetz vom Montag ist für vier Stationen hin.
- Ich steig am Hauptbahnhof aus und vergess, wie müd ich bin.
(Die Figur wischt sich mit einer kleinen Geste etwas vom eigenen Ohr.)
Und wenn ihr morgen früh jemanden mit Schaum am Ohr seht: Sagt’s ihm.
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende des Textes

