(Ein U-Bahn-Wagen am späten Abend. Lucia, dreiundzwanzig, steht in der Mitte des Wagens, neben ihr ein kleiner Lautsprecher, vor ihr ein offener Geigenkasten mit ein paar Münzen. Sie singt die ersten Takte einer Arie. Dann bricht sie ab und geht auf einen Mann zu, der sein Handy auf sie richtet.)
Nein. Machen Sie das aus. (Pause.) Doch, Sie. Sie mit der grünen Jacke. Das Handy. Das ist an, ich seh das rote Licht.
Sie filmen seit Hermannplatz. Ich hab’s gesehen. Ich seh alles, wenn ich singe, das glauben die Leute immer nicht. Die denken, ich bin weg, irgendwo in Paris, im Quartier Latin. Ich bin nicht in Paris. Ich bin in der U8, und Sie filmen mich.
Wissen Sie, was ich gerade singe? Musetta. „La Bohème“, zweites Bild. Die Frau, die im Café steht und so singt, dass alle hinsehen müssen. Sie will gesehen werden. Sie entscheidet, wer hinsieht und wie lange. (Pause.) Das ist der ganze Witz an der Arie. Sie entscheidet.
Ich studier das. Viertes Semester, Hochschule für Musik. Ich hab morgen um neun Gehörbildung und übermorgen Vorsingen für die Opernklasse. Ich steh hier, weil meine Wohnung achthundertzwanzig kostet und das Stipendium nicht reicht. Das ist kein Geheimnis. Sie dürfen das wissen. Sie dürfen auch zuhören. Sie dürfen sogar Geld in den Kasten werfen, das wäre schön.
Aber das da (sie zeigt auf das Handy) ist was anderes. Das landet irgendwo. Mit Musik drunter, die ich nicht ausgesucht habe. Mit einem Satz drüber. „Wenn die U-Bahn plötzlich Oper wird.“ Oder: „Arme Studentin singt um ihr Leben.“ Und da drunter schreiben Leute, wie mein Hals aussieht, wenn ich in die Höhe gehe. Hab ich alles schon gelesen. Über eine Freundin, die jetzt nicht mehr in der U-Bahn singt.
(Der Mann senkt das Handy. Lucia wartet.)
Danke. (Pause.) Löschen auch. Ich warte.
(Sie wartet. Der Mann tippt etwas. Er zeigt ihr das Display.)
Gut. (Sie atmet aus.) Wissen Sie, das Komische ist: Wenn Sie gefragt hätten, hätte ich wahrscheinlich ja gesagt. Wirklich. Ich hätte gesagt, warten Sie, ich fang noch mal von vorn an, der Einstieg ist schöner. (Sie lacht kurz.) Ich bin eitel. Das gehört zum Beruf.
(Sie geht zurück in die Mitte des Wagens und sieht in die Runde.) Also. Für alle. Das hier ist ein Konzert. Es kostet nichts, es dauert drei Minuten, und es gehört Ihnen nur, solange Sie hier sitzen. Wer es mitnehmen will, nimmt es im Kopf mit. (Pause.) Bis Kottbusser Tor sind es noch zwei Minuten. Das reicht genau.
(Sie schaltet den Lautsprecher wieder an, hebt den Kopf und setzt neu an.)
„Quando m’en vo soletta per la via …“
(Sie singt. Der Mann hat das Handy in die Tasche gesteckt.)
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende des Textes

