(Eine Bühne, ein Mikrofon. Die Figur hält ein Handy hoch, auf dem Display sehr viel sehr kleiner Text.)
- Heut Nacht um zwei hab ich, statt einzuschlafen,
- was Wildes ausprobiert: Ich las die Paragrafen.
- Nicht Goethe und nicht Kafka, keine Liebesbriefe –
- die Regeln meiner Taschenlampen-App. Bis in die Tiefe.
- Die Taschenlampen-App. Sie leuchtet. Das ist alles.
- Doch Absatz neun verlangt, im Fall des Falles,
- den Zugriff auf mein Mikro, meine Fotos, meinen Standort
- und wen ich nachts um zwei anruf. Fehlt nur noch mein Passwort.
- Ich dachte: Gut, ein Licht muss wissen, wo ich bin.
- Doch wozu mein Adressbuch? Wo ist da der Sinn?
- Wen soll die Lampe denn beleuchten? Meine Ex?
- Die sitzt im Dunkeln. Gut so. Steht in Paragraf sechs.
- Und da fiel mir ein: Ich hab noch nie was durchgelesen.
- Den Mietvertrag nicht, nicht, was im Handyvertrag gewesen.
- Ich zahl seit sieben Jahren für ein Fitnessstudio.
- Ich war da einmal drin. Und zwar nur auf dem Klo.
- Ich klick auf „Ich stimme zu“, so wie man „gut“ sagt, wenn man „schlecht“ meint,
- so wie man „alles easy“ schreibt, wenn man im Bus grad weint.
- Und ehrlich: Wo war eigentlich das Kleingedruckte für das Leben?
- Hätt ich das unterschrieben, hätt man’s mir vorher mal gegeben?
- Paragraf eins: Du wirst geboren, und keiner hat gefragt.
- Paragraf zwei: Die Eltern bleiben. Umtausch wird versagt.
- Paragraf drei: Das Herz kann brechen. Mehrmals. Ohne Garantie.
- Paragraf vier: Die Menschen, die du liebst, die lesen das hier nie.
- Paragraf fünf: Die Laufzeit ist begrenzt. Wie lange? Unbekannt.
- Gekündigt wird von uns. Ganz ohne Frist. Und ohne Pfand.
- Das hätt ich nie im Leben unterschrieben. Niemals. Nie.
- Ich hätte nachgefragt, verhandelt, Kopie für Kopie.
- Und dann, ich kenn mich ja, um zwei, mit müdem Kopf,
- fänd ich ganz unten, winzig klein: „Dafür ist’s hell.“ Und drück den Knopf.
(Klick. Das Licht geht an.)
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Ende des Textes

