Gerd: Der letzte Bus

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Gerd: Der letzte Bus

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Dauer
ca. 2 Mingeschätzt, 261 Wörter
Umfang
261 Wörterungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 58–70redaktionelle Einschätzung
Tonlage
lakonischtragikomisch
Sprache
Alltagssprache
PDF-Optionen

(Endhaltestelle Waldfriedhof, kurz nach Mitternacht. Gerd, Busfahrer, steht im Mittelgang des leeren Busses. Auf der letzten Bank schläft ein junger Mann, den Kopf an der Scheibe.)

Endstation. Junger Mann. Waldfriedhof. Weiter fahr ich nicht.

(Keine Reaktion. Gerd setzt sich auf den Platz gegenüber.)

Ist gut. Fünf Minuten haben wir. Der Wagen muss um null Uhr einundvierzig im Depot sein, und ich war noch nie zu spät im Depot. Neununddreißig Jahre. Doch, einmal. Im Winter zweitausendzehn, Schnee bis hier. Zählt nicht.

Du bist am Hauptbahnhof eingestiegen. Hast mich gar nicht angeguckt. Macht keiner. Ist nicht böse gemeint. Man hält die Karte ans Gerät, piep, weiter. Früher hat man mir das Fahrgeld in die Hand gezählt. Da kannte ich jeden. Die Frau Sander mit ihren zwei Dackeln, die hat jeden Morgen gesagt: „Herr Gerd, heute fahren Sie aber sportlich.“ Jeden Morgen. Auch wenn wir im Stau standen.

(Er sieht durch die Scheibe nach draußen.)

Die liegt da drüben übrigens. Feld elf. Ich fahr da seit vier Jahren jede Nacht dran vorbei und heb die Hand. Weiß keiner.

Das ist meine letzte Fahrt. Ab Montag fährt die Linie ein anderer. Der ist gut, der Yusuf, der bremst weich. Am Freitag wollen die mir was ausrichten, im Aufenthaltsraum. Mit Kuchen. Ich hab gesagt, Freitag hab ich Arzt. Hab ich nicht.

Was soll ich da. Die stehen da mit ihren Pappbechern und sagen: Gerd, jetzt hast du endlich Zeit. Wofür denn? Neununddreißig Jahre lang hab ich gewusst, wo ich um sechs Uhr zwölf sein muss. Ab Montag weiß ich das nicht mehr.

(Pause. Er steht auf und tritt zu dem Schlafenden.)

Du musst jetzt raus. Von hier fährt nachts nichts mehr zurück, das weißt du hoffentlich. Wo musst du denn hin?

(Er wartet. Dann leiser:)

Ich fahr ja sowieso ins Depot. Das liegt fast auf dem Weg nach – na, egal wohin. Darf ich eigentlich nicht.

(Er geht nach vorn, setzt sich ans Steuer und schließt die Türen.)

Letzte Fahrt. Da fragt keiner mehr.

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Ende des Textes

Spielhinweise

  • Gerd sagt die wichtigen Dinge nebenbei: Dass Frau Sander auf dem Friedhof an der Endhaltestelle liegt und er ihr jede Nacht zuwinkt, steht zwischen zwei Sätzen über Dackel. Wer sie für ihn war, sagt der Text nicht. Spiele es nicht groß an.
  • Eine Figurenbiografie kann helfen, die Lücken zu füllen: Wann ist Frau Sander gestorben? Seit wann fährt Gerd nachts?
  • Der Schlafende ist dein Partner. Gerd spricht leiser, wenn er glaubt, dass der Fahrgast wach wird, und lauter, wenn er sich sicher ist, dass niemand zuhört.
  • Die letzte Entscheidung verstößt gegen die Vorschrift, an die er sich neununddreißig Jahre gehalten hat. Das ist der Wendepunkt.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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