Der Prinz von Homburg und die Kurfürstin: „O Gottes Welt, o Mutter, ist so schön!“

Dialog · 2 Personen · Romantik · Blankvers

Der Prinz von Homburg und die Kurfürstin: O Gottes Welt, o Mutter, ist so schön!

aus Prinz Friedrich von Homburg (1821) von Heinrich von Kleist · III. Akt, 5. Auftritt (Ausschnitt)

Originaltext · Prinz Friedrich von Homburg, Heinrich von Kleist (1821)Ausschnitt
Dauer
ca. 5,5 Mingeschätzt, 557 Wörter
Umfang
76 VersePrinz · Kurfürstin
Figur
m + w · 2 Personen
Spielalter
ca. 20–60redaktionelle Einschätzung
Tonlage
todesängstlichleidenschaftlich
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
PDF-Optionen
Eine gewählte Rolle wird im PDF hervorgehoben.

(Zimmer der Kurfürstin. Der Prinz von Homburg tritt auf; die Prinzessin Natalie steht abseits.)

Prinz

  1. O meine Mutter!

Stichwort: „O meine Mutter!“

(Er lässt sich auf Knien vor ihr nieder.)

Kurfürstin

  1. Prinz! Was wollt Ihr hier?

Stichwort: „Prinz! Was wollt Ihr hier?“

Prinz

  1. O lass mich deine Knie umfassen, Mutter!

Stichwort: „… lass mich deine Knie umfassen, Mutter!“

Kurfürstin (Mit unterdrückter Rührung.)

  1. Gefangen seid Ihr, Prinz, und kommt hieher!
  2. Was häuft Ihr neue Schuld zu Euren alten?

Stichwort: „… Ihr neue Schuld zu Euren alten?“

Prinz (Dringend.)

  1. Weißt du, was mir geschehn?

Stichwort: „Weißt du, was mir geschehn?“

Kurfürstin

  1. Ich weiß um alles!
  2. Was aber kann ich, Ärmste, für Euch tun?

Stichwort: „… kann ich, Ärmste, für Euch tun?“

Prinz

  1. O meine Mutter, also sprächst du nicht,
  2. Wenn dich der Tod umschauerte, wie mich!
  3. Du scheinst mit Himmelskräften, rettenden,
  4. Du mir, das Fräulein, deine Fraun, begabt,
  5. Mir alles ringsumher, dem Trossknecht könnt ich,
  6. Dem schlechtesten, der deiner Pferde pflegt,
  7. Gehängt am Halse flehen: rette mich!
  8. Nur ich allein, auf Gottes weiter Erde,
  9. Bin hülflos, ein Verlassner, und kann nichts!

Stichwort: „… hülflos, ein Verlassner, und kann nichts!“

Kurfürstin

  1. Du bist ganz außer dir! Was ist geschehn?

Stichwort: „… ganz außer dir! Was ist geschehn?“

Prinz

  1. Ach! Auf dem Wege, der mich zu dir führte,
  2. Sah ich das Grab, beim Schein der Fackeln, öffnen,
  3. Das morgen mein Gebein empfangen soll.
  4. Sieh, diese Augen, Tante, die dich anschaun,
  5. Will man mit Nacht umschatten, diesen Busen
  6. Mit mörderischen Kugeln mir durchbohren.
  7. Bestellt sind auf dem Markte schon die Fenster,
  8. Die auf das öde Schauspiel niedergehn,
  9. Und der die Zukunft, auf des Lebens Gipfel,
  10. Heut, wie ein Feenreich, noch überschaut,
  11. Liegt in zwei engen Brettern duftend morgen,
  12. Und ein Gestein sagt dir von ihm: er war!

Stichwort: „… sagt dir von ihm: er war!“

Kurfürstin

  1. Mein Sohn! Wenn’s so des Himmels Wille ist,
  2. Wirst du mit Mut dich und mit Fassung rüsten!

Stichwort: „… Mut dich und mit Fassung rüsten!“

Prinz

  1. O Gottes Welt, o Mutter, ist so schön!
  2. Lass mich nicht, fleh ich, eh die Stunde schlägt,
  3. Zu jenen schwarzen Schatten niedersteigen!
  4. Mag er doch sonst, wenn ich gefehlt, mich strafen,
  5. Warum die Kugel eben muss es sein?
  6. Mag er mich meiner Ämter doch entsetzen,
  7. Mit Kassation, wenn’s das Gesetz so will,
  8. Mich aus dem Heer entfernen: Gott des Himmels!
  9. Seit ich mein Grab sah, will ich nichts, als leben,
  10. Und frage nichts mehr, ob es rühmlich sei!

Stichwort: „… nichts mehr, ob es rühmlich sei!“

Kurfürstin

  1. Steh auf, mein Sohn; steh auf! Was sprichst du da?
  2. Du bist zu sehr erschüttert. Fasse dich!

Stichwort: „… bist zu sehr erschüttert. Fasse dich!“

Prinz

  1. Nicht, Tante, eh’r als bis du mir gelobt,
  2. Mit einem Fußfall, der mein Dasein rette,
  3. Flehnd seinem höchsten Angesicht zu nahn!
  4. Dir übergab zu Homburg, als sie starb,
  5. Die Hedwig mich, und sprach, die Jugendfreundin:
  6. Sei ihm die Mutter, wenn ich nicht mehr bin.
  7. Du beugtest tief gerührt, am Bette kniend,
  8. Auf ihre Hand dich und erwidertest:
  9. Er soll mir sein, als hätt ich ihn erzeugt.
  10. Nun, jetzt erinnr ich dich an solch ein Wort!
  11. Geh hin, als hättst du mich erzeugt, und sprich:
  12. Um Gnade fleh ich, Gnade! Lass ihn frei!
  13. Ach, und komm mir zurück und sprich: du bist’s!

Stichwort: „… mir zurück und sprich: du bist’s!“

Kurfürstin (Weint.)

  1. Mein teurer Sohn! Es ist bereits geschehn!
  2. Doch alles, was ich flehte, war umsonst!

Stichwort: „… alles, was ich flehte, war umsonst!“

Prinz

  1. Ich gebe jeden Anspruch auf an Glück.
  2. Nataliens, das vergiss nicht, ihm zu melden,
  3. Begehr ich gar nicht mehr, in meinem Busen
  4. Ist alle Zärtlichkeit für sie verlöscht.
  5. Frei ist sie, wie das Reh auf Heiden, wieder;
  6. Mit Hand und Mund, als wär ich nie gewesen,
  7. Verschenken kann sie sich, und wenn’s Karl Gustav,
  8. Der Schweden König ist, so lob ich sie.
  9. Ich will auf meine Güter gehn am Rhein,
  10. Da will ich bauen, will ich niederreißen,
  11. Dass mir der Schweiß herabtrieft, säen, ernten,
  12. Als wär’s für Weib und Kind, allein genießen,
  13. Und, wenn ich erntete, von neuem säen,
  14. Und in den Kreis herum das Leben jagen,
  15. Bis es am Abend niedersinkt und stirbt.

Stichwort: „… es am Abend niedersinkt und stirbt.“

Kurfürstin

  1. Wohlan! Kehr jetzt nur heim in dein Gefängnis,
  2. Das ist die erste Fordrung meiner Gunst!

Stichwort: „… ist die erste Fordrung meiner Gunst!“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Eine der berühmtesten Szenen der Todesfurcht im deutschen Theater. Der Held verliert jede Haltung; spiele das ohne Scham und ohne Komik.
  • Kleists Blankvers ist voller Inversionen und Einschübe („Du scheinst mit Himmelskräften, rettenden“). Kläre die Satzbögen, dann tragen sie.
  • Die Kurfürstin hat wenige, kurze Repliken. Ihr Subtext ist Mitleid und Ohnmacht: Sie weiß schon, dass ihre Bitte umsonst war.
  • Prinzessin Natalie ist stumm im Raum. Bei den Worten über das Grab lässt sie sich nach Kleists Regieanweisung erschüttert an einem Tisch nieder und weint; diese Anweisung ist hier nicht übernommen. Im Szenenstudium kann sie als stille Zeugin dabei sein.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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