(Ein Dienstzimmer an der Universität, Sprechstunde. Bücherregale bis zur Decke. Professorin Lindner, Ende fünfzig, sitzt hinter dem Schreibtisch. Vor ihr liegen drei Hausarbeiten nebeneinander. Elias Kranich, Anfang zwanzig, steht in der Tür.)
Lindner
Kommen Sie rein, Herr Kranich. Setzen Sie sich. Nein, nicht auf den Stuhl, da liegen die Klausuren. Auf den anderen.
Stichwort: „… liegen die Klausuren. Auf den anderen.“
Elias
Sie wollten mich sprechen.
Stichwort: „Sie wollten mich sprechen.“
Lindner
Ich habe drei Hausarbeiten aus meinem Seminar gelesen. (Sie tippt auf die Stapel.) Herr Weber über Kleist. Frau Ostermann über Büchner. Herr Lutz über Lessing. Drei Themen, drei Namen. Und in allen dreien steht das Wort „gleichwohl“ an derselben Stelle im Satz. Am Anfang, nach einem Doppelpunkt. Das macht niemand in Ihrem Alter. Das macht nur einer.
Stichwort: „… Ihrem Alter. Das macht nur einer.“
Elias
Viele Leute schreiben „gleichwohl“.
Stichwort: „Viele Leute schreiben „gleichwohl“.“
Lindner
In Ihrer eigenen Arbeit über Schiller steht es elfmal.
Stichwort: „… Arbeit über Schiller steht es elfmal.“
(Pause. Elias setzt sich.)
Elias
Wie viel wissen Sie?
Stichwort: „Wie viel wissen Sie?“
Lindner
Ich weiß nichts. Ich lese nur. Sagen Sie es mir.
Stichwort: „… lese nur. Sagen Sie es mir.“
Elias
Zweihundert Euro pro Arbeit. Dreihundert, wenn es eilt. Seit dem zweiten Semester. Ich arbeite nachts in einem Callcenter, aber das reicht nicht für die Miete, und meine Eltern – meine Eltern denken, ich hab ein Stipendium.
Stichwort: „… Eltern denken, ich hab ein Stipendium.“
Lindner
Haben Sie keins?
Stichwort: „Haben Sie keins?“
Elias
Ich hab mich beworben. Zweimal. Man braucht ein Gutachten von einer Professorin oder einem Professor. Ich hab mich nicht getraut zu fragen.
Stichwort: „… hab mich nicht getraut zu fragen.“
(Lindner nimmt seine eigene Arbeit vom Stapel und blättert.)
Lindner
Ihre Schiller-Arbeit ist die beste, die ich in diesem Semester gelesen habe. Vielleicht in diesem Jahr. Seite neun, wo Sie zeigen, dass Maria Stuart ihre Hinrichtung als Bühne benutzt. Da habe ich laut gelacht. Im Zug. Mein Sitznachbar hat sich weggesetzt.
Stichwort: „… Zug. Mein Sitznachbar hat sich weggesetzt.“
Elias
Danke.
Stichwort: „Danke.“
Lindner
Bedanken Sie sich nicht. Das macht es schlimmer. (Sie legt die Arbeit hin.) Für die drei ist das ein Täuschungsversuch. Was es für Sie bedeutet, weiß ich noch nicht genau. Das muss der Prüfungsausschuss entscheiden.
Stichwort: „… genau. Das muss der Prüfungsausschuss entscheiden.“
Elias
Dann bin ich raus.
Stichwort: „Dann bin ich raus.“
Lindner
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es hängt auch davon ab, wer es meldet. Wenn ich es melde, sind Sie jemand, den ich erwischt habe. Wenn Sie es selbst melden, sind Sie jemand, der einen Fehler gemacht hat und dafür geradesteht.
Stichwort: „… Fehler gemacht hat und dafür geradesteht.“
Elias
Und die anderen drei?
Stichwort: „Und die anderen drei?“
Lindner
Die haben das selbst entschieden. Wie Sie.
Stichwort: „… haben das selbst entschieden. Wie Sie.“
(Lange Pause. Elias sieht auf seine Hände.)
Elias
Wenn ich das melde – würden Sie dann noch ein Gutachten schreiben? Für das Stipendium?
Stichwort: „… ein Gutachten schreiben? Für das Stipendium?“
Lindner (lehnt sich zurück)
Ich würde hineinschreiben, was passiert ist. Und was auf Seite neun steht. Beides.
Stichwort: „… was auf Seite neun steht. Beides.“
Elias
Gleichwohl.
Stichwort: „Gleichwohl.“
Lindner
(Ein kurzes, ungewolltes Lachen.) Raus. Bis Freitag liegt Ihre schriftliche Erklärung auf meinem Tisch. Ohne „gleichwohl“.
Stichwort: „… Erklärung auf meinem Tisch. Ohne „gleichwohl“.“
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende der Szene

