(Ein Kleinwagen auf einem Autobahnparkplatz, nachts. Der Motor ist aus. Am Steuer sitzt Katrin, Anfang vierzig. Auf dem Beifahrersitz Malte, siebzehn, den Rucksack auf dem Schoß. Sie hat ihn vor einer Stunde an einer Tankstelle mitgenommen.)
Malte
Warum halten wir?
Stichwort: „Warum halten wir?“
Katrin
Ich muss mal kurz die Augen zumachen.
Stichwort: „… muss mal kurz die Augen zumachen.“
Malte
Hier?
Stichwort: „Hier?“
Katrin
Ich fahr seit sechs Stunden. Fünf Minuten.
Stichwort: „… fahr seit sechs Stunden. Fünf Minuten.“
(Pause. Sie macht die Augen nicht zu.)
Katrin
Hamburg also.
Stichwort: „Hamburg also.“
Malte
Hab ich doch gesagt.
Stichwort: „Hab ich doch gesagt.“
Katrin
Zu deinem Vater.
Stichwort: „Zu deinem Vater.“
Malte
Ja.
Stichwort: „Ja.“
Katrin
Weiß der, dass du kommst?
Stichwort: „Weiß der, dass du kommst?“
Malte
Das wird eine Überraschung.
Stichwort: „Das wird eine Überraschung.“
Katrin
Für wen?
Stichwort: „Für wen?“
(Malte antwortet nicht. Er zieht die Kapuze tiefer.)
Katrin
Im Radio kam vorhin was. Nach den Verkehrsmeldungen, als du geschlafen hast. Die Polizei sucht einen Siebzehnjährigen aus Kassel. Seit Dienstag. Graue Kapuzenjacke. Blauer Rucksack mit einem Aufnäher. (Sie sieht auf den Rucksack.) Eine Möwe.
Stichwort: „… Rucksack mit einem Aufnäher. Eine Möwe.“
Malte
Es gibt viele Möwen.
Stichwort: „Es gibt viele Möwen.“
Katrin
In Kassel nicht so viele.
Stichwort: „In Kassel nicht so viele.“
(Malte greift nach dem Türgriff. Die Tür ist verriegelt.)
Malte
Machen Sie auf.
Stichwort: „Machen Sie auf.“
Katrin
Gleich.
Stichwort: „Gleich.“
Malte
Machen Sie die Tür auf, oder ich schrei.
Stichwort: „… die Tür auf, oder ich schrei.“
Katrin
Auf einem leeren Parkplatz um zwei Uhr nachts. Das hört nur die Möwe.
Stichwort: „… nachts. Das hört nur die Möwe.“
(Pause. Sie entriegelt die Tür. Klick. Er bleibt sitzen.)
Katrin
Du kannst gehen. Ich halt dich nicht fest.
Stichwort: „… gehen. Ich halt dich nicht fest.“
Malte
Und dann rufen Sie an.
Stichwort: „Und dann rufen Sie an.“
Katrin
Dann ruf ich an. Ja. Weil irgendwo in Kassel eine Frau seit Dienstag neben dem Telefon sitzt. Ich weiß, wie das ist. Meine Tochter war vier Tage weg, da war sie fünfzehn. Vier Tage. Ich hab nicht geschlafen, ich hab nichts gegessen, ich hab jeden Abend ihr Bett frisch bezogen, damit es frisch ist, wenn sie kommt.
Stichwort: „… es frisch ist, wenn sie kommt.“
Malte
Und? Ist sie gekommen?
Stichwort: „Und? Ist sie gekommen?“
Katrin
Sie war bei ihrem Freund. Zwei Straßen weiter. (Ein kurzes Lachen.) Ich hab sie trotzdem umarmt, bis sie keine Luft mehr gekriegt hat.
Stichwort: „… sie keine Luft mehr gekriegt hat.“
(Lange Pause. Malte sieht aus dem Fenster.)
Malte
Mein Vater weiß nicht, dass ich komme, weil er seit drei Jahren nicht ans Telefon geht.
Stichwort: „… drei Jahren nicht ans Telefon geht.“
Katrin
Dann ist er nicht derjenige, der jetzt wach liegt.
Stichwort: „… nicht derjenige, der jetzt wach liegt.“
(Sie holt ihr Handy heraus und hält es ihm hin.)
Katrin
Ruf deine Mutter an. Nur sagen, dass du lebst. Und dann fahr ich dich nach Hamburg. Versprochen.
Stichwort: „… fahr ich dich nach Hamburg. Versprochen.“
Malte
Und wenn er wieder nicht aufmacht?
Stichwort: „Und wenn er wieder nicht aufmacht?“
Katrin
Dann fahr ich dich zurück. (Pause.) Kassel liegt sowieso auf meinem Weg.
Stichwort: „… Kassel liegt sowieso auf meinem Weg.“
Malte (nimmt das Handy)
Sie wollten gar nicht nach Hamburg, oder?
Stichwort: „… wollten gar nicht nach Hamburg, oder?“
Katrin
Nein. Nach München.
Stichwort: „Nein. Nach München.“
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende der Szene

