Frau Wolff und Leontine: „Was willst’n Du hier?“

Dialog · 2 Personen · Naturalismus · Berliner und schlesisch gefärbte Mundart (Prosa)

Frau Wolff und Leontine: Was willst’n Du hier?

aus Der Biberpelz (1893) von Gerhart Hauptmann · I. Akt (Anfang)

Originaltext · Der Biberpelz, Gerhart Hauptmann (1893)Ausschnitt
Dauer
ca. 5 Mingeschätzt, 573 Wörter
Umfang
573 WörterFrau Wolff · Leontine
Figur
w · 2 Personen
Spielalter
ca. 15–60redaktionelle Einschätzung
Tonlage
derbkomisch
Sprache
Berliner und schlesisch gefärbte Mundart (Prosa)behutsam modernisiert
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(Kleiner, blaugetünchter, flacher Küchenraum. Winterabend. Leontine ist am Ofen eingeschlafen.)

Frau Wolff (Unsichtbar, von außen.)

Adelheid! Adelheid! (Stille; dann wird von der andern Seite ans Fenster gepocht) Wirschte gleich uffmachen!

Stichwort: „Adelheid! Adelheid! Wirschte gleich uffmachen!“

Leontine (Im Schlaf.)

Nein, nein, ick lass mir nich schinden!

Stichwort: „… nein, ick lass mir nich schinden!“

Frau Wolff

Mach uff, Mädel, sonste komm ich durchs Fenster.

Stichwort: „… Mädel, sonste komm ich durchs Fenster.“

(Sie trommelt sehr stark ans Fenster.)

Leontine (Aufwachend.)

Ach, Du bist’s, Mama! Ick komme ja schon!

Stichwort: „… bist’s, Mama! Ick komme ja schon!“

(Sie schließt innen auf.)

Frau Wolff (Ohne einen Sack, welchen sie auf der Schulter trägt, abzulegen.)

Was willst’n Du hier?

Stichwort: „Was willst’n Du hier?“

Leontine (Verschlafen.)

’n Abend, Mama!

Stichwort: „’n Abend, Mama!“

Frau Wolff

Wie bist’n Du reingekommen, hä?

Stichwort: „Wie bist’n Du reingekommen, hä?“

Leontine

Na, über’n Ziejenstall lag doch der Schlüssel.

Stichwort: „… über’n Ziejenstall lag doch der Schlüssel.“

(Kleine Pause.)

Frau Wolff

Was willste denn nu zu Hause, Mädel?

Stichwort: „… willste denn nu zu Hause, Mädel?“

Leontine (Läppisch maulend.)

Ich soll woll man jar nich mehr bei Euch komm?

Stichwort: „… jar nich mehr bei Euch komm?“

Frau Wolff

Na, sei bloß so gutt, un tu Dich a Bissel. Das hab’ ich zu gerne. (Sie lässt den Sack von der Schulter fallen) Du weest woll noch gar nich, wie spät dass schonn is? Mach bloß, dasste fortkommst zu Deiner Herrschaft.

Stichwort: „… bloß, dasste fortkommst zu Deiner Herrschaft.“

Leontine

Wenn ick da man ooch wer’ mal ’n Bisken zu spät komm!

Stichwort: „… mal ’n Bisken zu spät komm!“

Frau Wolff

Nu nimm Dich in Obacht, hast De verstanden! Und sieh, dasste fortkommst, sonst haste verspielt.

Stichwort: „… sieh, dasste fortkommst, sonst haste verspielt.“

Leontine (Weinerlich, trotzig.)

Ick jeh nich mehr bei die Leute, Mama!

Stichwort: „… nich mehr bei die Leute, Mama!“

Frau Wolff (Erstaunt.)

Du gehst nich… (Ironisch) Ach wo! Das ist ja was ganz Neues.

Stichwort: „… Das ist ja was ganz Neues.“

Leontine

Na brauch ick mir immer lassen schinden?

Stichwort: „… brauch ick mir immer lassen schinden?“

Frau Wolff (War bemüht ein Stück Rehwild aus dem Sack hervorzuziehen.)

I, schinden tun se Dich also bei Kriegers? Nee, so a armes Kind aber ooch! — Mit sowas komm mer ock uffgezogen! A Frauenzimmer wie a Dragoner ....! Nanu fass an, dort unten a Sack! Du kannst Dich woll gar nich tälscher anstellen? Bei mir haste damit kee Glicke nich. ’s Faullenzen lernste bei mir erscht recht nich! (Beide hängen den Rehbock am Türpfosten auf) Nu sag ich der’sch aber zum letzten Male …

Stichwort: „… der’sch aber zum letzten Male …“

Leontine

Ick jeh nich mehr bei die Leute hin. Denn jeh’ ick lieber in’t Wasser, Mama!

Stichwort: „… jeh’ ick lieber in’t Wasser, Mama!“

Frau Wolff

Na, dasste ock bloß keen’n Schnuppen krigst.

Stichwort: „… dasste ock bloß keen’n Schnuppen krigst.“

Leontine

Ich spring in’t Wasser!

Stichwort: „Ich spring in’t Wasser!“

Frau Wolff

Da ruff mich ock, herschte! Ich wer’ Der an Schupps geben, dass De ooch ja — und fliegst nich daneben.

Stichwort: „… ja — und fliegst nich daneben.“

Leontine (Schreit heftig.)

Na, brauch ick mir das woll jefallen zu lassen, det ick Aben’s muss Holz rinräumen zwee Meter?

Stichwort: „… Aben’s muss Holz rinräumen zwee Meter?“

Frau Wolff (Tut erstaunt.)

Nee, ’s is woll nich meglich! Holz sollst De reinschleppen! Nee, iber die Leute aber ooch!

Stichwort: „… Nee, iber die Leute aber ooch!“

Leontine

… un zwanzich Daler uff’s janze Jahr? Denn soll ick mir ooch noch die Poten verfrieren? Und nich ma satt Katoffel und Häring?!

Stichwort: „… nich ma satt Katoffel und Häring?!“

Frau Wolff

Da red’ erscht nich lange, tummes Mädel. Da hast ’a Schlissel, geh, schneid Dr Brot ab. Un wenn De satt bist, scheer Dich, verstanden!? ’s Flaummus steht in der oberschten Rehre.

Stichwort: „… Flaummus steht in der oberschten Rehre.“

Leontine (Nimmt aus einer Schublade ein großes Brot und schneidet davon.)

Die Juste von Schulzens kriejt vierzig Daler un ....

Stichwort: „… Schulzens kriejt vierzig Daler un ....“

Frau Wolff

Renn’ Du bloß mit’n Kopp durch de Wand! — — — Du wirscht bei da Leuten nich ewig bleiben. Du bist ni vermit’t fir ewige Zeiten — — Meinswegen zieh Du zum erschten April — So lange bleibste an Ort und Stelle! — ’s Weihnachtsgeschenk in der Tasche, gelt, nu mechtste fortloofen? Das is keene Mode! — Ich geh bei da Leuten aus und ein. Das wer’ ich woll uff mir sitzen lassen!

Stichwort: „… ich woll uff mir sitzen lassen!“

Leontine

Det bisken Lumpe, det ick da anhabe?

Stichwort: „… bisken Lumpe, det ick da anhabe?“

Frau Wolff

’s bare Geld vergisste woll ganz?

Stichwort: „’s bare Geld vergisste woll ganz?“

Leontine

Jawoll doch! Janze Märker sechse!

Stichwort: „Jawoll doch! Janze Märker sechse!“

Frau Wolff

I Geld is Geld! Das lass Du gutt sein!

Stichwort: „… Geld! Das lass Du gutt sein!“

Leontine

Na, wenn ick aber kann mehr verdien’n!?

Stichwort: „… wenn ick aber kann mehr verdien’n!?“

Frau Wolff

Mit’n Maule!

Stichwort: „Mit’n Maule!“

Leontine

Nee, mit de Nähmaschine. Ick jeh nach Berlin und nähe Mäntel. Stechown’s Emilie jeht ooch seit’n Neujahr!

Stichwort: „… Stechown’s Emilie jeht ooch seit’n Neujahr!“

Frau Wolff

Komm Du mer bloß mit der Schlumpe gezogen! Die soll mer ock unter de Finger loofen! Dem Balge will ich a Talglicht uffstecken! Das wär so a Awasemeng fer Dich, gelt? Mit a Kerln de Nächte verschwiemeln. Nee, Mädel, wenn ich bloß da dran denke: ich hau Dich, dasste schonn gar nich mehr uffstehst. — Nu kommt Papa, jetzt nimm Dich in Obacht!

Stichwort: „… Papa, jetzt nimm Dich in Obacht!“

Leontine

Wenn Papa mir verpaukt, denn loof ick fort; denn wer’ ick schon sehn, wo ick bleiben du.

Stichwort: „… schon sehn, wo ick bleiben du.“

Frau Wolff

Jetzt maul nich! Geh und futter de Ziegen. Se sind ooch noch nich gemolken den Abend. Un gibb a Karnickeln ’ne Hamvll Heu.

Stichwort: „… gibb a Karnickeln ’ne Hamvll Heu.“

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Spielhinweise

  • Frau Wolff spricht schlesisch gefärbt, Leontine berlinert („Ick jeh nich mehr bei die Leute“). Die Mundarten zeigen zwei Generationen und zwei Welten.
  • Der Rehbock wird während des Streits aus dem Sack gezogen und an den Türpfosten gehängt. Diese Handlung läuft mit, ohne dass jemand darüber redet: ein Lehrstück für Subtext.
  • Frau Wolffs Empörung über das Holztragen ist gespielt („Tut erstaunt“). Das Publikum darf merken, dass sie mehr im Sinn hat als Mitleid.
  • Kurze, schlagfertige Repliken, eine klare Statusbeziehung und ein komisches Ende: gut für ein Szenenstudium.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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