Christine und Theodor: „Und für eine andere ist er gestorben“

Dialog · 2 Personen · Jahrhundertwende · Prosa, Wiener Umgangssprache

Christine und Theodor: Ich bin ihm nichts gewesen als ein Zeitvertreib — und für eine andere ist er gestorben —!

aus Liebelei (1895) von Arthur Schnitzler · III. Akt (Schluss)

Originaltext · Liebelei, Arthur Schnitzler (1895)eingerichtet
Dauer
ca. 4 Mingeschätzt, 464 Wörter
Umfang
464 WörterChristine · Theodor
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 17–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
fassungslosernst & dramatisch
Sprache
Prosa, Wiener Umgangssprachebehutsam modernisiert
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Christine

Ja — für eine Frau … (Zu Mizi gewendet) für diese Frau — Für diese Frau, die er geliebt hat — Und ihr Mann — ja, ja, ihr Mann hat ihn umgebracht … Und ich … was bin denn ich? was bin denn ich ihm gewesen …? Theodor . . haben Sie denn gar nichts für mich … hat er nichts niedergeschrieben …? Hat er Ihnen kein Wort für mich gesagt … haben Sie nichts gefunden … einen Brief … einen Zettel —

Stichwort: „… einen Brief … einen Zettel —“

(Theodor schüttelt den Kopf.)

Christine

Und an dem Abend … wo er da war, wo Sie ihn da abgeholt haben … da hat er’s schon gewusst, da hat er gewusst, dass er mich vielleicht nie mehr … Und er ist von da weggegangen, um sich für eine andere umbringen zu lassen — Nein, nein — es ist ja nicht möglich … hat er denn nicht gewusst, was er für mich ist … hat er …

Stichwort: „… mich ist … hat er …“

Theodor

Er hat es gewusst. — Am letzten Morgen, wie wir hinausgefahren sind … hat er auch von Ihnen gesprochen.

Stichwort: „… hat er auch von Ihnen gesprochen.“

Christine

Auch von mir hat er gesprochen! Auch von mir! Und von was denn noch? Von wie viel andern Leuten, von wie viel anderen Sachen, die ihm grad so viel gewesen sind wie ich? — Von mir auch! Oh Gott! . . Und von seinem Vater und von seiner Mutter und von seinen Freunden und von seinem Zimmer und vom Frühling und von der Stadt und von allem, von allem, was so mit dazu gehört hat zu seinem Leben und was er grad so hat verlassen müssen wie mich; . . von allem hat er mit Ihnen gesprochen … und auch von mir. . . .

Stichwort: „… auch von mir. . . .“

Theodor (Bewegt.)

Er hat Sie gewiss lieb gehabt.

Stichwort: „Er hat Sie gewiss lieb gehabt.“

Christine

Lieb! — Er? — Ich bin ihm nichts gewesen als ein Zeitvertreib — und für eine andere ist er gestorben —! Und ich — hab’ ihn angebetet! — Hat er denn das nicht gewusst? . . Dass ich ihm alles gegeben hab, was ich ihm hab’ geben können, dass ich für ihn gestorben wär’ — dass er mein Herrgott gewesen ist und meine Seligkeit — hat er das garnicht bemerkt? Er hat von mir fortgehn können, mit einem Lächeln, fortgehn aus dem Zimmer und sich für eine andere niederschießen lassen… Vater, Vater, — verstehst Du das?

Stichwort: „… Vater, Vater, — verstehst Du das?“

[…]

Theodor (Zu Mizi.)

Schau Kind, das hättest Du mir ersparen können …

Stichwort: „… hättest Du mir ersparen können …“

[…]

Theodor

Ich hab genug Aufregungen gehabt … diese letzten Tage …

Stichwort: „… gehabt … diese letzten Tage …“

Christine (Mit plötzlichem Entschluss.)

Theodor, führen Sie mich hin … ich will ihn sehn — noch einmal will ich ihn sehn — das Gesicht — Theodor führen Sie mich hin.

Stichwort: „… — Theodor führen Sie mich hin.“

Theodor (Wehrt ab, zögernd.)

Nein …

Stichwort: „Nein …“

Christine

Warum denn nein? — Das können Sie mir doch nicht verweigern? — Seh’n werd’ ich ihn doch noch einmal dürfen —?

Stichwort: „… ihn doch noch einmal dürfen —?“

Theodor

Es ist zu spät.

Stichwort: „Es ist zu spät.“

Christine

Zu spät? — Seine Leiche zu sehn … ist es zu spät? Ja … ja —

Stichwort: „… zu spät? Ja … ja —“

(Sie begreift nicht.)

Theodor

Heut früh hat man ihn begraben.

Stichwort: „Heut früh hat man ihn begraben.“

Christine (Mit dem höchsten Ausdrucke des Entsetzens.)

Begraben… Und ich hab’s nicht gewusst? Erschossen haben sie ihn … und in den Sarg haben sie ihn gelegt und hinausgetragen haben sie ihn und in die Erde haben sie ihn eingegraben — und ich hab ihn nicht noch einmal sehen dürfen? — Zwei Tage lang ist er tot — und Sie sind nicht gekommen und haben mir’s gesagt —?

Stichwort: „… gekommen und haben mir’s gesagt —?“

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Spielhinweise

  • Christine begreift Stück für Stück: Er ist für eine andere gestorben, er hat von ihr nur „auch“ gesprochen, sie war ein Zeitvertreib. Jede Erkenntnis ist ein neuer Schlag.
  • Theodor hat fast nichts zu sagen und muss trotzdem im Raum bleiben. Das ist die eigentliche Schwierigkeit seiner Rolle: zuhören, aushalten, nicht ausweichen.
  • Die Einwürfe von Mizi und dem Vater sind gestrichen und mit […] markiert. Theodors Satz an Mizi bleibt, weil er seine Überforderung zeigt.
  • Schnitzlers Wiener Umgangssprache („Seh’n werd’ ich ihn doch noch einmal dürfen“) und die vielen Pausenpunkte sind genau gesetzt. Für ein Szenenstudium mit großer emotionaler Spannweite.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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