Melitta: „Es geht nicht. — Weh!“

Monolog · Biedermeier & Vormärz · Blankvers

Melitta: Da muss ich sitzen, einsam und verlassen

aus Sappho (1818) von Franz Grillparzer · II. Aufzug, 3. Auftritt

Originaltext · Sappho, Franz Grillparzer (1818)ungekürzt
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 286 Wörter
Umfang
38 Verseungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 15–24redaktionelle Einschätzung
Tonlage
einsamleise & nachdenklich
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
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(Sie setzt sich auf die Rasenbank und beginnt einen Kranz zu flechten. Nach einer Weile schüttelt sie schmerzlich das Haupt und legt das Angefangene neben sich hin.)

  1. Es geht nicht. — Weh! der Kopf will mir zerspringen,
  2. Und stürmisch pocht das Herz in meiner Brust.
  3. Da muss ich sitzen, einsam und verlassen,
  4. Fern von der Eltern Herd im fremden Land,
  5. Und Sklavenketten drücken diese Hände,
  6. Die ich hinüber strecke nach den Meinen.
  7. Weh mir! da sitz’ ich einsam und verlassen,
  8. Und Niemand höret mich und achtet mein!
  9. Mit Tränen seh’ ich Freunde und Verwandte
  10. Den Busen drücken an verwandte Brust,
  11. Mir schlägt kein Busen hier in diesem Lande
  12. Und meine Freunde wohnen weit von hier.
  13. Ich sehe Kinder um den Vater hüpfen,
  14. Die fromme Stirn, die heil’gen Locken küssen;
  15. Mein Vater lebt getrennt durch ferne Meere,
  16. Wo ihn nicht Gruß und Kuss des Kinds erreicht.
  1. Sie tun wohl hier so, als ob sie mich liebten
  2. Und auch an sanften Worten fehlt es nicht,
  3. Doch ist es Liebe nicht, ’s ist nur Erbarmen,
  4. Das auch der Sklavin milde Worte gönnt;
  5. Der Mund, der erst von Schmeicheln überflossen,
  6. Er füllt sich bald mit Hohn und bitterm Spott.
  7. Sie dürfen lieben, hassen was sie wollen,
  8. Und was das Herz empfindet spricht die Lippe aus,
  9. Sie zieret Gold und Purpur und Geschmeide,
  10. Nach ihnen wendet staunend sich der Blick;
  11. Der Sklavin Platz ist an dem niedern Herde,
  12. Da trifft kein Blick sie, ach, und keine Frage,
  13. Kein Auge, kein Gedanke und kein Wunsch! —
  1. Ihr Götter, die ihr mich schon oft erhört,
  2. Mit reicher Hand Erfüllung mir gesendet,
  3. Wenn ich mit frommen Sinne zu euch flehte,
  4. O leiht auch diesmal mir ein gnädig Ohr!
  5. Führt gütig mich zurücke zu den Meinen,
  6. Dass ich an des Vertrauens weiche Brust
  7. Die kummerheiße Stirne kühlend presse,
  8. Führt zu den Meinen mich, ach, oder nehmt mich
  9. Hinauf zu euch! — Zu euch! — Zu euch!

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Spielhinweise

  • Melitta ist kein Opfer, das sich bemitleidet. Sie beobachtet genau: Erbarmen ist nicht Liebe. Diese Einsicht ist neu für sie.
  • Spiele das Kranzflechten als Spielhandlung: Es misslingt, weil der Kopf woanders ist.
  • Das Gebet am Schluss steigert sich bis zum dreifachen „Zu euch!“. Hier bricht aus, was Melitta bisher zurückgehalten hat.
  • Melitta wird von Phaon belauscht. Wer will, kann das Wissen um einen Zuhörer als Spannung nutzen, ohne dass die Figur davon weiß.

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