Sosias: „Heda! Wer schleicht da?“

Monolog · Romantik · Blankvers

Sosias: Heda! Wer schleicht da?

aus Amphitryon (1807) von Heinrich von Kleist · I. Akt, 1. Szene (Ausschnitt)

Originaltext · Amphitryon, Heinrich von Kleist (1807)Ausschnitt
Dauer
ca. 5 Mingeschätzt, 532 Wörter
Umfang
75 VerseAusschnitt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 25–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
ängstlichkomisch
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
PDF-Optionen
  1. Heda! Wer schleicht da? Holla! — Wenn der Tag
  2. Anbräche, wär mir’s lieb; die Nacht ist — Was?
  3. Gut Freund, ihr Herrn! Wir gehen eine Straße —
  4. Ihr habt den ehrlichsten Gesell’n getroffen,
  5. Bei meiner Treu, auf den die Sonne scheint —
  6. Vielmehr der Mond jetzt, wollt ich sagen —
  7. Spitzbuben sind’s entweder, feige Schufte,
  8. Die nicht das Herz, mich anzugreifen, haben:
  9. Oder der Wind hat durch das Laub gerasselt.
  10. Jedweder Schall hier heult in dem Gebirge. —
  11. Vorsichtig! Langsam! — Aber wenn ich jetzt
  12. Nicht bald mit meinem Hut an Theben stoße
  13. So will ich in den finstern Orkus fahren.
  14. Ei, hol’s der Henker! ob ich mutig bin,
  15. Ein Mann von Herz; das hätte mein Gebieter
  16. Auf anderm Wege auch erproben können.
  17. Ruhm krönt ihn, spricht die ganze Welt, und Ehre,
  18. Doch in der Mitternacht mich fortzuschicken,
  19. Ist nicht viel besser, als ein schlechter Streich.
  20. Ein wenig Rücksicht wär’, und Nächstenliebe,
  21. So lieb mir, als der Keil von Tugenden,
  22. Mit welchem er des Feindes Reihen sprengt.
  23. Sosias, sprach er, rüste dich mein Diener,
  24. Du sollst in Theben meinen Sieg verkünden
  25. Und meine zärtliche Gebieterin
  26. Von meiner nahen Ankunft unterrichten.
  27. Doch hätte das nicht Zeit gehabt bis morgen,
  28. Will ich ein Pferd sein, ein gesatteltes!
  1. Doch sieh! Da zeigt sich, denk ich, unser Haus!
  2. Triumph, du bist nunmehr am Ziel, Sosias,
  3. Und allen Feinden soll vergeben sein.
  4. Jetzt, Freund, musst du an deinen Auftrag denken;
  5. Man wird dich feierlich zur Fürstin führen,
  6. Alkmen’, und den Bericht bist du ihr dann,
  7. Vollständig und mit Rednerkunst gesetzt
  8. Des Treffens schuldig, das Amphitryon
  9. Siegreich für’s Vaterland geschlagen hat.
  1. — Doch wie zum Teufel mach ich das, da ich
  2. Dabei nicht war? Verwünscht. Ich wollt: ich hätte
  3. Zuweilen aus dem Zelt geguckt,
  4. Als beide Heer’ im Handgemenge waren.
  5. Ei was! Vom Hauen sprech’ ich dreist und Schießen,
  6. Und werde schlechter nicht bestehn, als Andre,
  7. Die auch den Pfeil noch pfeifen nicht gehört. —
  8. Doch wär’ es gut, wenn du die Rolle übtest?
  9. Gut! Gut bemerkt, Sosias! Prüfe dich.
  10. Hier soll der Audienzsaal sein, und diese
  11. Latern’ Alkmene, die mich auf dem Thron erwartet.

(Er setzt die Laterne auf den Boden.)

  1. Durchlauchtigste! mich schickt Amphitryon,
  2. Mein hoher Herr und euer edler Gatte,
  3. Von seinem Siege über die Athener
  4. Die frohe Zeitung euch zu überbringen.
  5. — Ein guter Anfang! — „Ach, wahrhaftig, liebster
  6. Sosias, meine Freude mäßg’ ich nicht,
  7. Da ich dich wiedersehe.“ — Diese Güte,
  8. Vortreffliche, beschämt mich, wenn sie stolz gleich
  9. Gewiss jedweden andern machen würde.
  10. — Sieh! das ist auch nicht übel! — „Und dem teuren
  11. Geliebten meiner Seel’ Amphitryon,
  12. Wie geht’s ihm?“ — Gnäd’ge Frau, das fass ich kurz:
  13. Wie einem Mann von Herzen auf dem Feld’ des Ruhms.
  14. — Ein Blitzkerl! Seht die Suade! — „Wann denn kommt er?“
  15. Gewiss nicht später, als sein Amt verstattet,
  16. Wenn gleich vielleicht so früh nicht, als er wünscht.
  17. — Potz, alle Welt! — „Und hat er sonst dir nichts
  18. Für mich gesagt, Sosias?“ — Er sagt wenig,
  19. Tut viel, und es erbebt die Welt vor seinem Namen.
  20. — Dass mich die Pest! Wo kömmt der Witz mir her?
  21. „Sie weichen also, sagst du, die Athener?“
  22. — Sie weichen, tot ist Labdakus, ihr Führer,
  23. Erstürmt Pharissa, und wo Berge sind,
  24. Da hallen sie von unserm Siegsgeschrei. —
  25. „O teuerster Sosias! Sieh, das musst du
  26. Umständlich mir, auf jeden Zug, erzählen.“
  27. — Ich bin zu euern Diensten, gnädge Frau.

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Spielhinweise

  • Kleist schreibt im Blankvers, aber Sosias zerhackt ihn mit Ausrufen und Selbstgesprächen. Halte das Tempo hoch.
  • Die Probe ist ein Rollenspiel: Sosias spricht Alkmene mit hoher, gezierter Stimme und antwortet als er selbst. Mach die beiden Stimmen klar unterscheidbar.
  • Die Laterne ist die wichtigste Requisite: Sie ist Lichtquelle, Schutz und schließlich die Fürstin auf dem Thron.
  • Der Ausschnitt endet, bevor Sosias die Schlacht beschreibt. Für eine längere Fassung kann man im Stück weiterlesen.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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