Kassierer: „Ich zahle bar!“

Monolog · Expressionismus · Expressionistische Prosa

Kassierer: Ich zahle bar!

aus Von morgens bis mitternachts (1916) von Georg Kaiser · Erster Teil, Schlussszene (Schneefeld)

Originaltext · Von morgens bis mitternachts, Georg Kaiser (1916)gekürzt
Dauer
ca. 4,5 Mingeschätzt, 520 Wörter
Umfang
520 Wörtergekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 35–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
fiebrigleidenschaftlich
Sprache
Expressionistische Prosabehutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Verschneites Feld mit Baum mit tiefreichender Astwirrnis. Blauschattende Sonne.)

(Kassierer kommt, rückwärts gehend. Er schaufelt mit den Händen seine Spur zu. Sich aufrichtend.)

Solch ein Mensch ist doch ein Wunderwerk. Der Mechanismus klappt in Scharnieren – lautlos. Plötzlich sind Fähigkeiten ermittelt und mit Schwung tätig. Wie gebärden sich meine Hände? Wo haben sie Schnee geschippt? Jetzt wuchten sie die Massen, dass die Flocken stäuben. Überdies ist meine Spur über das Schneefeld wirkungsvoll verwischt. Erzielt ist ein undurchsichtiges Inkognito!

[…]

(Er sucht sich einen bequemen Sitz in einer Astgabel.)

Ich bin doch neugierig. Meine Spannung ist gewaltig geschwollen. Ich habe Grund, mich auf die wichtigsten Entdeckungen gefasst zu machen. Im Fluge gewonnene Erfahrungen stehen mir zur Seite. Am Morgen noch erprobter Beamter. Man vertraut mir runde Vermögen an, der Bauverein deponiert Riesensummen. Mittags ein durchtriebener Halunke. Mit allen Wassern gewaschen. Die Technik der Flucht bis in die Details durchgebildet. Das Ding gedreht und hin. Fabelhafte Leistung. Und der Tag erst zur Hälfte bezwungen!

(Er stützt das Kinn auf die Faustrücken.)

Ich bin bereit, jedem Vorfall eine offene Brust zu bieten. Ich besitze untrügliche Zeichen, keinem Anspruch die Antwort schuldig zu bleiben. Ich bin auf dem Marsche – Umkehr findet nicht statt. Ich marschiere – also ohne viel Federlesen heraus mit den Trümpfen. Ich habe sechzigtausend auf die Karte gesetzt – und erwarte den Trumpf. Ich spiele zu hoch, um zu verlieren. Keine Flausen – aufgedeckt und heda! Verstanden?

[…]

(Er holt das Banknotenbündel aus der Tasche und klatscht es auf die Hand.)

Ich zahle bar! Der Betrag ist flüssig gemacht – Regulierung läuft dem Angebot voraus. Vorwärts, was bietet sich?

(Er sieht in das Feld.)

Schnee. Schnee. Sonne. Stille.

(Er schüttelt den Kopf und steckt das Geld ein.)

Es wäre eine schamlose Übervorteilung – mit dieser Summe blauen Schnee zu bezahlen. Ich mache das Geschäft nicht. Ich trete vor dem Abschluss zurück. Keine reelle Sache!

(Die Arme aufwerfend.)

Ich muss bezahlen!! – – Ich habe das Geld bar!! – – Wo ist Ware, die man mit dem vollen Einsatz kauft?! Mit sechzigtausend – und dem ganzen Käufer mit Haut und Knochen?! – –

(Schreiend.)

Ihr müsst mir doch liefern – – ihr müsst doch Wert und Gegenwert in Einklang bringen!!!!

(Sonne von Wolken verfinstert. Er steigt aus der Gabel.)

Die Erde kreißt – Frühlingsstürme. Es macht sich, es macht sich. Ich wusste, dass ich nicht umsonst gerufen habe. Die Aufforderung war dringend. Das Chaos ist beleidigt, es will sich nicht vor meiner eingreifenden Tat am Vormittag blamieren. Ich wusste es ja, man darf in solchen Fällen nicht locker lassen. Hart auf den Leib rücken – und das Mäntelchen vom Leib, dann zeigt sich was! – Vor wem lüfte ich denn so höflich meinen Hut?

(Sein Hut ist ihm entrissen. Der Orkan hat den Schnee von den Zweigen gepeitscht: Reste in der Krone haften und bauen ein menschliches Gerippe mit grinsenden Kiefern auf. Eine Knochenhand hält den Hut.)

Hast du die ganze Zeit hinter mir gesessen und mich belauscht? Bist du ein Abgesandter der Polizei? Nicht in diesem lächerlich beschränkten Sinne. Umfassend: Polizei des Daseins? – Bist du die erschöpfende Antwort auf meine nachdrückliche Befragung? Willst du mit deiner einigermaßen reichlich durchlöcherten Existenz andeuten: das abschließende Ergebnis – deine Abgebranntheit? – Das ist etwas dürftig. Sehr dürftig. Nämlich nichts! […] Verzeihung, ich rede dich mit Sie an. Wir stehen doch wohl auf du und du. Die Verwandtschaft bezeugt sich innigst. Ich glaube sogar, du steckst in mir drin. Also winde dich aus dem Astwerk los, das dich von allen Seiten durchsticht, und rutsche in mich hinein. Ich hinterlasse in meiner zweideutigen Lage nicht gern Spuren. Vorher gib mir meinen Hut wieder!

(Er nimmt den Hut vom Ast, den der Sturm ihm jetzt entgegenbiegt – verbeugt sich.)

Ich sehe, wir haben bis zu einem annehmbaren Grade eine Verständigung erzielt. Das ist ein Anfang, der Vertrauen einflößt und im Wirbel kommender großartiger Ereignisse den nötigen Rückhalt schafft. Ich weiß das unbedingt zu würdigen. Mit vorzüglicher Hochachtung – –

(Donner rollt. Ein letzter Windstoß fegt auch das Gebilde aus dem Baum. Sonne bricht durch. Es ist hell wie zu Anfang.)

Ich sagte doch gleich, dass die Erscheinung nur vorübergehend war!

(Er drückt den Hut in die Stirn, schlägt den Mantelkragen hoch und trabt durch den stäubenden Schnee weg.)

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Spielhinweise

  • Kaisers Sprache ist expressionistisch verdichtet: kurze Hauptsätze, Ausrufe, Wörter aus der Geschäftswelt („Regulierung läuft dem Angebot voraus“). Der Kassierer spricht über sein Leben wie über ein Bankgeschäft.
  • Die Regieanweisungen geben einen Ablauf vor: Spur verwischen, in die Astgabel steigen, das Geld zeigen, wieder einstecken, herabsteigen. Nutze sie als Gerüst.
  • „Schnee. Schnee. Sonne. Stille.“ ist die Antwort der Welt. Gib ihr Zeit, bevor er wieder zu reden beginnt.
  • Mit dem Gerippe spricht er wie mit einem Geschäftspartner, erst förmlich, dann vertraulich. Die Höflichkeit am Ende ist gleichzeitig komisch und erschreckend.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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