Kopelke und Wendt: „Scheeniken!“

Dialog · 2 Personen · Naturalismus · Berliner Mundart und Umgangssprache (Prosa)

Kopelke und Wendt: Scheeniken! Scheeniken!

aus Die Familie Selicke (1890) von Arno Holz und Johannes Schlaf · I. Aufzug

Originaltext · Die Familie Selicke, Arno Holz und Johannes Schlaf (1890)Ausschnitt
Dauer
ca. 4,5 Mingeschätzt, 493 Wörter
Umfang
493 WörterKopelke · Wendt
Figur
m + offen · 2 Personen
Spielalter
ca. 22–75redaktionelle Einschätzung
Tonlage
gutmütigtragikomisch
Sprache
Berliner Mundart und Umgangssprache (Prosa)behutsam modernisiert
PDF-Optionen
Eine gewählte Rolle wird im PDF hervorgehoben.

(Wohnstube der Familie Selicke in Berlin. Heiliger Abend. Frau Selicke ist in die Küche gegangen.)

Kopelke (Mit krummgezogenem Puckel, sich schmunzelnd die Hände reibend.)

Scheeniken! Scheeniken!

Stichwort: „Scheeniken! Scheeniken!“

Wendt (Langt seine Zigarrentasche vor.)

Aber ich darf Ihnen doch wenigstens ’ne Zigarre anbieten?

Stichwort: „… Ihnen doch wenigstens ’ne Zigarre anbieten?“

Kopelke

Oh! … He! … Na! Ick bin so frei, von Ihr jietijet Anersuchen — mbf! — Jebrauch zumachen, werter, junger Herr! Abber .. e … (Winkt Wendt zu sich heran; dieser beugt sich ein wenig zu ihm hin, Kopelke hält ihm die hohle Hand ans Ohr) .. ick meen’ man! Ick beraube Ihnen!

Stichwort: „… ick meen’ man! Ick beraube Ihnen!“

Wendt

O, ich bitte Sie!

Stichwort: „O, ich bitte Sie!“

Kopelke

Na, wissen Se! So’n junger Student hat det ooch nich immer so dicke! .. Na, ick meen’ man!

Stichwort: „… dicke! .. Na, ick meen’ man!“

Wendt

Junger Student?! Oho!

Stichwort: „Junger Student?! Oho!“

Kopelke

Ach so! (Blinzelt ihm zu) Na! Ibrijens bin ick darin durchaus keen Unmensch! (Kneift sich mit den Fingernägeln die Spitze von der Zigarre und bückt sich über die Lampe) Abber .. nee, wissen Se! (Mit einem Blick zum Bett hin) Ick weer’ ihr man doch lieber draußen roochen! Se nehmen mir det doch nich iebel?

Stichwort: „… nehmen mir det doch nich iebel?“

Wendt

Bewahre, Herr Kopelke! Im Gegenteil! Hier hätten Sie sie ja doch so wie so nicht rauchen können! Selbstverständlich!

Stichwort: „… wie so nicht rauchen können! Selbstverständlich!“

Kopelke

Ja, un denn — na ja! wat ick also noch sagen wollte! … Se meen’n mit det Kind, meen’n Se?

Stichwort: „… meen’n mit det Kind, meen’n Se?“

Wendt

Ja! Ich … e … Sie können sich ja denken, wie mich das unmöglich gleichgültig lassen kann! … Der Arzt scheint sich ja, wenigstens so viel ich darüber weiß, überhaupt nicht äußern zu wollen …

Stichwort: „… überhaupt nicht äußern zu wollen …“

Kopelke (Klopft sich mit der Zigarre auf dem Daumen herum.)

Ja, wissen Se! Offen jestanden! Abber det kann ick den Mann eejentlich janich verdenken! Denn. Se könn’n sagen, wat Se wollen — ick bin man sozusagen ’n janz eenfacher Mann, verstehn Se! Abber det kann ’k Ihn’n sagen: mit det Kind is’t retour jejangen! Schon wenn se een’n immer so anseht, verstehn Se! — wahhaft’jen Jott, abber so wat kann eenen durch un durch jehn!

Stichwort: „… kann eenen durch un durch jehn!“

Wendt (Finster.)

Hm … Also Sie meinen, dass wirklich Gefahr vorliegt?

Stichwort: „… Sie meinen, dass wirklich Gefahr vorliegt?“

Kopelke (Ausweichend.)

Jott! det nu jrade! Det will ick nu jrade nich jesagt haben! Abber, wie det so is, verstehn Se! Et mangelt hier den Leiten an’t Neetichste, wissen Se! (Macht die Bewegung des Geldzählens) Die kennen ooch man nich immer so wie se wollen!

Stichwort: „… nich immer so wie se wollen!“

Wendt (Geht erregt ein paar Mal auf und ab.)

Ach Gott, ja! .... Na! Es wird ja mal .... anders werden!

Stichwort: „… wird ja mal .... anders werden!“

Kopelke

Ja! Wenn eener immer ville Jeld hat, wissen Se, denn mag’t ja wohl noch jehn! Ja! Det liebe Jeld! … Nehm’n Se mir mal zun Beispiel! Ick wah ooch nich uf’n Kopp jefallen als Junge! Ick wah immer der Erste in de Schule! Wat meen’n Se woll?! .. Abber de Umstände, wissen Se! de Umstände! Et half nischt! Vater ließ mir Schuster weer’n! … Freilich, mit die Schusterei is det nu ooch nischt mehr heitzudage! Die ollen Fabriken, wissen Se! Die ollen Fabriken rujenieren den kleenen Mann! … Sehn Se! So bin ick eejentlich, wat man so ’ne verfehlte Existenz nennt! Nu bin ick sozusagen allens un janischt! … Ja! … Da bring ’k mal een’n durch’n Prozess, da wird mal’n bisken jeschustert, dann mal mit de Homöopathie und denn mit det Silewettenschneidern, wie det jrade so kommt, verstehn Se! Ja! … Freilich! Se haben alle nischt, die armen Deibels, den’n ick .... (Die Uhr schlägt sechs) Wat?! Sechsen schon?! Hurrjott! … (Wickelt sich schnell den Shawl um) … den’n ick jeholfen hab’, meen’ ick! … (Umhersehend) Hanschuh’n hat ick ja wohl zufällig keene jehabt? … Na, abber man krepelt sick so durch! (Wendt’s Hand schüttelnd) Wah mich sehr anjenehm, werter junger Herr, wah mich sehr anjenehm! ..... Dunnerwettstock, det wird ja die allerheechste Eisenbahn! (Macht ein paar eilige Schritte auf die Korridortür zu, besinnt sich dann aber wieder und kehrt um) Na, ick kann ja denn ooch man jleich hinten rum! (Schon in der Küchentür) Un denn, det ick det nich verjesse: Verjniegte Feierdage! Morjen frieh seh ick Ihn’ doch noch?

Stichwort: „… frieh seh ick Ihn’ doch noch?“

Wendt

O, danke, danke! Natürlich!

Stichwort: „O, danke, danke! Natürlich!“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Die Pausenzeichen und Punkte („Abber .. e …“) sind Teil des Textes. Holz und Schlaf notieren das Zögern genau. Spiele es als Denken, nicht als Unsicherheit beim Lernen.
  • Kopelke spricht Berliner Mundart, Wendt Hochdeutsch. Der Unterschied erzählt von Stand und Bildung, ohne dass jemand ihn benennt.
  • Die Zigarre, die Lampe und der Blick zum Bett sind kleine Handlungen mit großer Wirkung. Kopelke will draußen rauchen, wegen des Kindes.
  • Komik und Trauer liegen dicht beieinander. Für ein Szenenstudium im Naturalismus mit leisen Subtext-Schichten.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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