Tell: „Durch diese hohle Gasse muss er kommen“

Monolog · Weimarer Klassik · Blankvers

Wilhelm Tell: Durch diese hohle Gasse muss er kommen

aus Wilhelm Tell (1804) von Friedrich Schiller · IV. Aufzug, 3. Szene

Originaltext · Wilhelm Tell, Friedrich Schiller (1804)ungekürzt
Dauer
ca. 6 Mingeschätzt, 636 Wörter
Umfang
91 Verseungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 28–50redaktionelle Einschätzung
Tonlage
ringendernst & dramatisch
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
PDF-Optionen
  1. Durch diese hohle Gasse muss er kommen;
  2. Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht – Hier
  3. Vollend’ ich’s – Die Gelegenheit ist günstig.
  4. Dort der Holunderstrauch verbirgt mich ihm;
  5. Von dort herab kann ihn mein Pfeil erlangen;
  6. Des Weges Enge wehret den Verfolgern.
  7. Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt!
  8. Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen.
  1. Ich lebte still und harmlos – das Geschoss
  2. War auf des Waldes Tiere nur gerichtet,
  3. Meine Gedanken waren rein von Mord –
  4. Du hast aus meinem Frieden mich heraus
  5. Geschreckt; in gärend Drachengift hast du
  6. Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt;
  7. Zum Ungeheuren hast du mich gewöhnt –
  8. Wer sich des Kindes Haupt zum Ziele setzte,
  9. Der kann auch treffen in das Herz des Feinds.
  1. Die armen Kindlein, die unschuldigen,
  2. Das treue Weib muss ich vor deiner Wut
  3. Beschützen, Landvogt! – Da, als ich den Bogenstrang
  4. Anzog – als mir die Hand erzitterte –
  5. Als du mit grausam teufelischer Lust
  6. Mich zwangst, aufs Haupt des Kindes anzulegen –
  7. Als ich ohnmächtig flehend rang vor dir,
  8. Damals gelobt’ ich mir in meinem Innern
  9. Mit furchtbarm Eidschwur, den nur Gott gehört,
  10. Dass meines nächsten Schusses erstes Ziel
  11. Dein Herz sein sollte – Was ich mir gelobt
  12. In jenes Augenblickes Höllenqualen,
  13. Ist eine heil’ge Schuld – ich will sie zahlen.
  1. Du bist mein Herr und meines Kaisers Vogt;
  2. Doch nicht der Kaiser hätte sich erlaubt,
  3. Was du – Er sandte dich in diese Lande,
  4. Um Recht zu sprechen – strenges, denn er zürnet –
  5. Doch nicht, um mit der mörderischen Lust
  6. Dich jedes Gräuels straflos zu erfrechen;
  7. Es lebt ein Gott, zu strafen und zu rächen.
  1. Komm du hervor, du Bringer bittrer Schmerzen,
  2. Mein teures Kleinod jetzt, mein höchster Schatz –
  3. Ein Ziel will ich dir geben, das bis jetzt
  4. Der frommen Bitte undurchdringlich war –
  5. Doch dir soll es nicht widerstehn – Und du,
  6. Vertraute Bogensehne, die so oft
  7. Mir treu gedient hat in der Freude Spielen,
  8. Verlass’ mich nicht im fürchterlichen Ernst!
  9. Nur jetzt noch halte fest, du treuer Strang,
  10. Der mir so oft den herben Pfeil beflügelt –
  11. Entränn’ er jetzo kraftlos meinen Händen,
  12. Ich habe keinen zweiten zu versenden.

(Wanderer gehen über die Szene.)

  1. Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen,
  2. Dem Wanderer zur kurzen Ruh bereitet –
  3. Denn hier ist keine Heimat – Jeder treibt
  4. Sich an dem Andern rasch und fremd vorüber
  5. Und fraget nicht nach seinem Schmerz – Hier geht
  6. Der sorgenvolle Kaufmann und der leicht
  7. Geschürzte Pilger – der andächt’ge Mönch,
  8. Der düstre Räuber und der heitre Spielmann,
  9. Der Säumer mit dem schwer beladnen Ross,
  10. Der ferne herkommt von der Menschen Ländern,
  11. Denn jede Straße führt ans End der Welt.
  12. Sie alle ziehen ihres Weges fort
  13. An ihr Geschäft – und meines ist der Mord!

(Setzt sich.)

  1. Sonst, wenn der Vater auszog, liebe Kinder,
  2. Da war ein Freuen, wenn er wieder kam;
  3. Denn niemals kehrt’ er heim, er bracht’ euch etwas,
  4. War’s eine schöne Alpenblume, war’s
  5. Ein seltner Vogel oder Ammonshorn,
  6. Wie es der Wandrer findet auf den Bergen –
  7. Jetzt geht er einem andern Waidwerk nach,
  8. Am wilden Weg sitzt er mit Mordgedanken;
  9. Des Feindes Leben ist’s, worauf er lauert.
  10. – Und doch an euch nur denkt er, liebe Kinder,
  11. Auch jetzt – euch zu verteid’gen, eure holde Unschuld
  12. Zu schützen vor der Rache des Tyrannen,
  13. Will er zum Morde jetzt den Bogen spannen.

(Steht auf.)

  1. Ich laure auf ein edles Wild – Lässt sich’s
  2. Der Jäger nicht verdrießen, Tage lang
  3. Umher zu streifen in des Winters Strenge,
  4. Von Fels zu Fels den Wagesprung zu tun,
  5. Hinan zu klimmen an den glatten Wänden,
  6. Wo er sich anleimt mit dem eignen Blut,
  7. – Um ein armselig Grattier zu erjagen.
  8. Hier gilt es einen köstlicheren Preis,
  9. Das Herz des Todfeinds, der mich will verderben.

(Man hört von ferne eine heitere Musik, welche sich nähert.)

  1. Mein ganzes Leben lang hab’ ich den Bogen
  2. Gehandhabt, mich geübt nach Schützenregel;
  3. Ich habe oft geschossen in das Schwarze
  4. Und manchen schönen Preis mir heimgebracht
  5. Vom Freudenschießen – Aber heute will ich
  6. Den Meisterschuss tun und das Beste mir
  7. Im ganzen Umkreis des Gebirgs gewinnen.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Tell ist sonst ein Mann weniger Worte. Hier spricht er lange, weil er die Tat vor sich und vor Gott begründen muss. Spiele das Ringen, nicht die Entschlossenheit.
  • Die Gedankenstriche zeigen Abbrüche. Der Blankvers bleibt, aber der Atem stockt an diesen Stellen.
  • Die Regieanweisungen gliedern den Text: Wanderer ziehen vorbei, Tell setzt sich, steht wieder auf, Musik nähert sich. Nutze sie als Szenenwechsel.
  • Der innere Konflikt ist das Thema: Er tötet, um die Seinen zu schützen. Die Rede an die Kinder ist der weichste und gefährlichste Moment.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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