(Ein kleines Radiostudio, nachts. Ein Mischpult, zwei Bildschirme, ein Telefon, dessen Leitungslämpchen dunkel bleiben. Sascha sitzt vor dem Mikrofon, die Kopfhörer um den Hals. Das Rotlicht ist an.)
Drei Uhr einundvierzig. Sie hören „Wach bleiben“, ich bin Sascha, und das ist die letzte Sendung. Ab Montag läuft um diese Zeit Musik aus dem Rechner. Gute Musik, ich habe die Liste gesehen. Kein Lied über vier Minuten, keine Ansagen, keine Anrufe. Das nennt man Durchhörbarkeit.
Die Leitung ist offen. Ihr wisst, wie es geht. Ihr ruft an, ich frage, warum ihr wach seid. Der Taxifahrer aus der Nordstadt, der jede Nacht wissen will, wer die Bundesliga ruiniert hat. Die Krankenschwester von der Frühchenstation, die in ihrer Pause flüstert, damit die Kleinen nicht aufwachen, obwohl sie drei Türen weiter liegen. Der Junge, der mit siebzehn angerufen hat, weil er nicht mehr wusste, wohin mit sich, und den ich vierzig Minuten in der Leitung gehalten habe, bis jemand bei ihm war. Der hat vor zwei Jahren eine Postkarte geschickt. Aus Lissabon.
Und Frau Görlich. Frau Görlich ruft um halb vier an. Seit neun Jahren. Sie macht um vier ihre Bäckereifiliale auf und fragt vorher, ob es regnet, obwohl sie aus dem Fenster schauen könnte. Sie will es von mir hören. „Sascha, regnet es?“ Und ich sage: „Frau Görlich, im Studio gibt es keine Fenster.“ Und sie sagt: „Dann raten Sie.“
(Sascha sieht auf das Telefon. Es bleibt dunkel.)
Drei Uhr dreiundvierzig. Vielleicht hat sie verschlafen. Vielleicht hat sie gehört, dass heute die letzte ist, und will sich nicht verabschieden. Das verstehe ich. Ich will auch nicht.
Ich habe einmal gerechnet. Neun Jahre, fünf Nächte die Woche, vier Stunden. Das sind über neuntausend Stunden, in denen ich mit Menschen geredet habe, die ich nie gesehen habe. Ich weiß, wie sie lachen, wie sie husten, wann sie lügen. Ich weiß nicht, welche Haarfarbe sie haben. Die meisten wissen nicht, wie ich aussehe. Das war das Schönste daran.
Also, Frau Görlich, falls Sie zuhören. (Sascha setzt die Kopfhörer auf und horcht kurz in die Stille.) Ja. Es regnet. Ich habe es vorhin auf dem Parkplatz gesehen. Nehmen Sie den Schirm mit dem Loch. Den guten haben Sie mir im Februar geschenkt.
(Ein Lämpchen am Telefon leuchtet auf. Sascha starrt darauf, legt die Hand auf den Regler und zögert.)
(Leise.) Drei Uhr vierundvierzig. Wir haben jemanden in der Leitung. (Sascha schiebt den Regler hoch.) Guten Morgen. Sie sind live.
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