(Ein Landesparlament, Plenarsaal, kurz nach einundzwanzig Uhr. Tagesordnungspunkt siebzehn. Die Reihen sind halb leer. Svenja, sechsundzwanzig, jüngste Abgeordnete des Hauses, steht zum ersten Mal am Rednerpult. Vor ihr liegt ein sauber ausgedruckter Redetext.)
Frau Präsidentin, meine sehr geehrten Damen und Herren. (Sie liest ab.) Die Regionalbahnstrecke zwischen Altenwerth und der Kreisstadt ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Daseinsvorsorge im ländlichen Raum.
(Sie hält inne.) Das stimmt. Das steht hier, und es stimmt. Meine Fraktion hat den Satz mit mir zusammen geschrieben, und es ist ein guter Satz. Ich merke nur gerade, dass ihn um diese Uhrzeit niemand hört. Der Herr in der dritten Reihe liest Zeitung. Das ist in Ordnung. Ich habe in der Schule in Erdkunde auch Zeitung gelesen. Nur habe ich dafür kein Geld bekommen.
(Unruhe. Ein Zwischenruf.)
Nein, ich will Sie nicht beleidigen. Ich will, dass Sie zuhören. Vier Minuten. Mehr Redezeit habe ich nicht.
Ich bin in Altenwerth aufgewachsen. Neunhundert Einwohner, eine Kirche, ein Getränkemarkt, der dienstags zuhat. Und ein Bahnhof. Der Bahnhof ist ein Häuschen mit einem Fahrkartenautomaten, den seit Jahren niemand repariert, und einer Bank, auf der ich mit fünfzehn meinen ersten Liebeskummer hatte. Von dort fährt jede Stunde ein Zug in die Kreisstadt. Fünfundzwanzig Minuten. Mit diesem Zug bin ich zum Gymnasium gefahren, zur Fahrschule, zur Ausbildung, zum ersten Job. Und an einem Abend im Januar zu meiner Oma ins Krankenhaus, als niemand Zeit hatte, mich zu fahren.
In der Vorlage steht, die Strecke sei unwirtschaftlich. Durchschnittlich elf Fahrgäste pro Fahrt. Ich glaube die Zahl. Ich kenne die elf. Fast alle. Das sind die Schülerin mit dem Cello, Herr Pohl mit seinem Rollator, der dreimal die Woche zur Dialyse fährt, drei Azubis vom Landmaschinenhändler und eine Frau, die nachts im Krankenhaus putzt und keinen Führerschein hat. Und ein paar andere, die ich nicht kenne, weil ich nicht mehr dort wohne. Weil ich hier bin. Weil ich den Zug genommen habe.
(Die Präsidentin weist auf die Uhr.)
Ja, ich komme zum Schluss. (Sie schiebt das Blatt zur Seite.) Wenn wir die Strecke stilllegen, fährt ein Bus. Zweimal am Tag. Morgens hin, mittags zurück. Die Frau, die nachts putzt, kommt dann nicht mehr zur Arbeit. Herr Pohl wird gefahren, von seinem Sohn, der dafür jedes Mal einen halben Tag Urlaub nimmt, bis er keinen mehr hat. Und die Schülerin mit dem Cello geht irgendwann weg. Wie ich. Und kommt nicht zurück. Und dann sitzen in dreißig Jahren in diesem Saal nur noch Menschen, die dort nie aussteigen mussten.
Ich bitte Sie, der Stilllegung nicht zuzustimmen. (Pause. Sie sieht in die dritte Reihe.) Und, falls Sie noch umblättern: Auf Seite vier im Regionalteil ist ein Foto von unserem Bahnhof. Die Bank sieht man auch. (Sie nimmt ihr Blatt.) Vielen Dank.
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Ende des Textes

