Helene
In der Laube vorn, glaub ich ... (Sie gehen durch das Pförtchen in das Gartenstückchen links vorn und in die Laube daselbst) Es ist mein Lieblingsplatz. – Hier bin ich noch am ungestörtesten, wenn ich mal was lesen will.
Stichwort: „… wenn ich mal was lesen will.“
Loth
Ein hübscher Platz hier. – Wirklich! (Beide setzen sich, ein wenig von einander getrennt, in der Laube nieder. Schweigen. Darauf Loth) Sie haben so sehr schönes und reiches Haar, Fräulein!
Stichwort: „… sehr schönes und reiches Haar, Fräulein!“
Helene
Ach ja, mein Schwager sagt das auch. Er meinte, er hätte es kaum so gesehen – auch in der Stadt nicht ... Der Zopf ist oben so dick wie mein Handgelenk ... Wenn ich es losmache, dann reicht es mir bis zu den Knien. Fühlen Sie mal –! Es fühlt sich wie Seide an, gelt?
Stichwort: „… fühlt sich wie Seide an, gelt?“
Loth
Ganz wie Seide. (Ein Zittern durchläuft ihn, er beugt sich und küsst das Haar)
Stichwort: „Ganz wie Seide.“
Helene (erschreckt)
Ach nicht doch! Wenn ...
Stichwort: „Ach nicht doch! Wenn ...“
Loth
Helene –! War das vorhin nicht Dein Ernst?
Stichwort: „… War das vorhin nicht Dein Ernst?“
Helene
Ach! – ich schäme mich so schrecklich. Was habe ich nur gemacht? – Dir ... Ihnen an den Hals geworfen habe ich mich. – Für was müssen Sie mich halten ...!
Stichwort: „… was müssen Sie mich halten ...!“
Loth (rückt ihr näher, nimmt ihre Hand in die seine)
Wenn Sie sich doch darüber beruhigen wollten!
Stichwort: „… Sie sich doch darüber beruhigen wollten!“
Helene (seufzend)
Ach, das müsste Schwester Schmittgen wissen .... ich sehe gar nicht hin!
Stichwort: „… .... ich sehe gar nicht hin!“
Loth
Wer ist Schwester Schmittgen?
Stichwort: „Wer ist Schwester Schmittgen?“
Helene
Eine Lehrerin aus der Pension.
Stichwort: „Eine Lehrerin aus der Pension.“
Loth
Wie können Sie sich nur über Schwester Schmittgen Gedanken machen!
Stichwort: „… nur über Schwester Schmittgen Gedanken machen!“
Helene
Sie war sehr gut ....! (Sie lacht plötzlich heftig in sich hinein)
Stichwort: „Sie war sehr gut ....!“
Loth
Warum lachst Du denn so auf einmal?
Stichwort: „… lachst Du denn so auf einmal?“
Helene (zwischen Pietät und Laune)
Ach! .. Wenn sie auf dem Chor stand und sang ... Sie hatte nur noch einen einzigen, langen Zahn .... da sollte es immer heißen: Tröste, tröste mein Volk! und es kam immer heraus: ’Röste, ’röste mein Volk! Das war zu drollig .... da mussten wir immer so lachen .... wenn sie so durch den Saal .... ’röste! ’röste! (Sie kann sich vor Lachen nicht lassen, Loth ist von ihrer Heiterkeit angesteckt. Sie kommt ihm dabei so lieblich vor, dass er den Augenblick benutzen will, den Arm um sie zu legen. Helene wehrt es ab) Ach nein doch ....! Ich habe mich Dir .... Ihnen an den Hals geworfen.
Stichwort: „… .... Ihnen an den Hals geworfen.“
Loth
Ach! sagen Sie doch nicht so etwas.
Stichwort: „… sagen Sie doch nicht so etwas.“
Helene
Aber ich bin nicht schuld, Sie haben sich’s selbst zuzuschreiben. Warum verlangen Sie .....
Stichwort: „… selbst zuzuschreiben. Warum verlangen Sie .....“
(Loth legt nochmals seinen Arm um sie, zieht sie fester an sich. Anfangs sträubt sie sich ein wenig, dann gibt sie sich drein und blickt nun mit freier Glückseligkeit in Loths glücktrunkenes Gesicht, das sich über das ihre beugt. Unversehens, aus einer gewissen Schüchternheit heraus küsst sie ihn zuerst auf den Mund. Beide werden rot, dann gibt Loth ihr den Kuss zurück; lang, innig, fest drückt sich sein Mund auf den ihren. Ein Geben und Nehmen von Küssen ist eine Zeit hindurch die einzige Unterhaltung – stumm und beredt zugleich – der beiden. Loth spricht dann zuerst.)
Loth
Lene, nicht? Lene heißt Du hier so?
Stichwort: „… nicht? Lene heißt Du hier so?“
Helene (küsst ihn)
... Nenne mich anders ... Nenne mich, wie Du gern möcht’st.
Stichwort: „… Nenne mich, wie Du gern möcht’st.“
Loth
Liebste! ............
Stichwort: „Liebste! ............“
(Das Spiel mit dem Küssetauschen und sich gegenseitig Betrachten wiederholt sich.)
Helene (von Loths Armen fest umschlungen, ihren Kopf an seiner Brust mit verschleierten, glückseligen Augen, flüstert im Überschwang)
Ach! – wie schön! Wie schön –!
Stichwort: „… – wie schön! Wie schön –!“
Loth
So mit Dir sterben!
Stichwort: „So mit Dir sterben!“
Helene (mit Inbrunst)
Leben! ... (Sie löst sich aus seinen Armen) Warum denn jetzt sterben? .... jetzt ...
Stichwort: „… denn jetzt sterben? .... jetzt ...“
Loth
Das musst Du nicht falsch auffassen. Von jeher berausche ich mich ... besonders in glücklichen Momenten berausche ich mich in dem Bewusstsein, es in der Hand zu haben, weißt Du!
Stichwort: „… der Hand zu haben, weißt Du!“
Helene
Den Tod in der Hand zu haben?
Stichwort: „… Tod in der Hand zu haben?“
Loth (ohne jede Sentimentalität)
Ja! und so hat er gar nichts Grausiges, im Gegenteil, so etwas Freundschaftliches hat er für mich. Man ruft und weiß bestimmt, dass er kommt. Man kann sich dadurch über alles Mögliche hinwegheben, Vergangenes – und Zukünftiges .... (Helenens Hand betrachtend) Du hast eine so wunderhübsche Hand. (Er streichelt sie)
Stichwort: „… Du hast eine so wunderhübsche Hand.“
Helene
Ach ja! – so ..... (Sie drückt sich auf’s Neue in seine Arme)
Stichwort: „Ach ja! – so .....“
Loth
Nein, weißt Du! ich hab’ nicht gelebt! ... bisher nicht!
Stichwort: „… hab’ nicht gelebt! ... bisher nicht!“
Helene
Denkst Du ich? ... Mir ist fast taumelig ..... taumelig bin ich vor Glück. Gott! wie ist das – nur so auf einmal .....
Stichwort: „… – nur so auf einmal .....“
Loth
Ja, so auf ein–mal ...
Stichwort: „Ja, so auf ein–mal ...“
Helene
Hör’ mal! so ist mir: die ganze Zeit meines Lebens – ein Tag! – gestern und heut – ein Jahr! gelt?
Stichwort: „… und heut – ein Jahr! gelt?“
Loth
Erst gestern bin ich gekommen?
Stichwort: „Erst gestern bin ich gekommen?“
Helene
Ganz gewiss! – eben! – natürlich! .... Ach, ach! Du weißt es nicht mal!
Stichwort: „… ach! Du weißt es nicht mal!“
Loth
Es kommt mir wahrhaftig auch vor .......
Stichwort: „… kommt mir wahrhaftig auch vor .......“
Helene
Nicht –? Wie ’n ganzes, geschlagnes Jahr! – Nicht –? (Halb aufspringend) Wart’ ....! – Kommt – da nicht .... (Sie rücken aus einander) .... Ach! es ist mir auch – egal. Ich bin jetzt – so mutig. (Sie bleibt sitzen und muntert Loth mit einem Blick auf näher zu rücken, was dieser sogleich tut)
Stichwort: „… Ich bin jetzt – so mutig.“
Helene (in Loths Armen)
... Du! – Was tun wir denn nu zuerst?
Stichwort: „… Was tun wir denn nu zuerst?“
Loth
Deine Stiefmutter würde mich wohl – abweisen.
Stichwort: „… Stiefmutter würde mich wohl – abweisen.“
Helene
Ach, meine Stiefmutter .... das wird wohl gar nicht .... gar nichts geht’s die an! Ich mache, was ich will ..... Ich hab mein mütterliches Erbteil, musst Du wissen.
Stichwort: „… mein mütterliches Erbteil, musst Du wissen.“
Loth
Deshalb meinst Du .....
Stichwort: „Deshalb meinst Du .....“
Helene
Ich bin majorenn. Vater muss mir’s auszahlen.
Stichwort: „… bin majorenn. Vater muss mir’s auszahlen.“
Loth
Du stehst wohl nicht gut – mit allen hier? – Wohin ist denn Dein Vater verreist?
Stichwort: „… Wohin ist denn Dein Vater verreist?“
Helene
Verr... Du hast ...? Ach, Du hast Vater noch nicht gesehen?
Stichwort: „… Du hast Vater noch nicht gesehen?“
Loth
Nein! Hoffmann sagte mir ....
Stichwort: „Nein! Hoffmann sagte mir ....“
Helene
Doch! ... hast Du ihn schon einmal gesehen.
Stichwort: „… hast Du ihn schon einmal gesehen.“
Loth
Ich wüsste nicht! ... Wo denn, Liebste?
Stichwort: „… wüsste nicht! ... Wo denn, Liebste?“
Helene
Ich ... (Sie bricht in Tränen aus) Nein, ich kann – kann Dir’s noch nicht sagen .... zu furchtbar schrecklich ist das.
Stichwort: „… .... zu furchtbar schrecklich ist das.“
Loth
Furchtbar schrecklich? Aber Helene! ist denn Deinem Vater etwas ...
Stichwort: „… ist denn Deinem Vater etwas ...“
Helene
Ach! – frag’ mich nicht! Jetzt nicht! Später!
Stichwort: „… frag’ mich nicht! Jetzt nicht! Später!“
Loth
Was Du mir nicht freiwillig sagen willst, danach werde ich Dich auch gewiss nicht mehr fragen ... Sieh mal, was das Geld anlangt ... im schlimmsten Falle .... ich verdiene ja mit dem Artikelschreiben nicht gerade überflüssig viel, aber ich denke, es müsste am Ende für uns beide ganz leidlich hinreichen.
Stichwort: „… für uns beide ganz leidlich hinreichen.“
Helene
Und ich würde doch auch nicht müßig sein. Aber besser ist besser. Das Erbteil ist vollauf genug – Und Du sollst Deine Aufgabe .... nein, die sollst Du unter keiner Bedingung aufgeben, jetzt erst recht ....! jetzt sollst Du erst recht die Hände frei bekommen.
Stichwort: „… erst recht die Hände frei bekommen.“
Loth (sie innig küssend)
Liebes, edles Geschöpf! ......
Stichwort: „Liebes, edles Geschöpf! ......“
Helene
Hast Du mich wirklich lieb ...? ... Wirklich? ... wirklich?
Stichwort: „… lieb ...? ... Wirklich? ... wirklich?“
Loth
Wirklich.
Stichwort: „Wirklich.“
Helene
Sag hundert Mal wirklich?
Stichwort: „Sag hundert Mal wirklich?“
Loth
Wirklich, wirklich und wahrhaftig.
Stichwort: „Wirklich, wirklich und wahrhaftig.“
Helene
Ach, weißt Du! Du schummelst!
Stichwort: „Ach, weißt Du! Du schummelst!“
Loth
Das wahrhaftig gilt hundert wirklich.
Stichwort: „Das wahrhaftig gilt hundert wirklich.“
Helene
So!? wohl in Berlin?
Stichwort: „So!? wohl in Berlin?“
Loth
Nein, eben in Witzdorf.
Stichwort: „Nein, eben in Witzdorf.“
Helene
Ach, Du! ... Sieh meinen kleinen Finger und lache nicht.
Stichwort: „… meinen kleinen Finger und lache nicht.“
Loth
Gern.
Stichwort: „Gern.“
Helene
Hast Du au–ßer Dei–ner er–sten Braut noch andere ge....? Du! Du lachst.
Stichwort: „… noch andere ge....? Du! Du lachst.“
Loth
Ich will Dir was im Ernst sagen, Liebste, ich halte es für meine Pflicht .... Ich habe mit einer großen Anzahl Frauen ...
Stichwort: „… mit einer großen Anzahl Frauen ...“
Helene (schnell und heftig auffahrend, drückt ihm den Mund zu)
Um Gott ...! sag’ mir das einmal – später – wenn wir alt sind .... nach Jahren – wenn ich Dir sagen werde: jetzt – hörst Du! nicht eher.
Stichwort: „… jetzt – hörst Du! nicht eher.“
Loth
Gut! wie Du willst.
Stichwort: „Gut! wie Du willst.“
Helene
Lieber was Schönes jetzt! ... Pass auf: sprich mir mal das nach:
Stichwort: „… auf: sprich mir mal das nach:“
Loth
Was?
Stichwort: „Was?“
Helene
»Ich hab’ Dich –
Stichwort: „»Ich hab’ Dich –“
Loth
»Ich hab’ Dich –
Stichwort: „»Ich hab’ Dich –“
Helene
»und nur immer Dich –
Stichwort: „»und nur immer Dich –“
Loth
»und nur immer Dich –
Stichwort: „»und nur immer Dich –“
Helene
»geliebt – geliebt Zeit meines Lebens –
Stichwort: „… – geliebt Zeit meines Lebens –“
Loth
»geliebt – geliebt Zeit meines Lebens –
Stichwort: „… – geliebt Zeit meines Lebens –“
Helene
»und werde nur Dich allein Zeit meines Lebens lieben.«
Stichwort: „… Dich allein Zeit meines Lebens lieben.«“
Loth
»und werde nur Dich allein Zeit meines Lebens lieben,« und das ist wahr, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin.
Stichwort: „… wahr ich ein ehrlicher Mann bin.“
Helene (freudig)
Das hab ich nicht gesagt.
Stichwort: „Das hab ich nicht gesagt.“
Loth
Aber ich. (Küsse) ...
Stichwort: „Aber ich. ...“
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