Nathan und Saladin: Die Ringparabel

Dialog · 2 Personen · Aufklärung · Blankvers

Nathan und Saladin: Vor grauen Jahren lebt’ ein Mann in Osten

aus Nathan der Weise (1779) von Gotthold Ephraim Lessing · III. Aufzug, 7. Auftritt

Originaltext · Nathan der Weise, Gotthold Ephraim Lessing (1779)Ausschnitt
Dauer
ca. 9,5 Mingeschätzt, 1012 Wörter
Umfang
153 VerseNathan · Saladin
Figur
m + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 30–75redaktionelle Einschätzung
Tonlage
klugleise & nachdenklich
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
PDF-Optionen
Eine gewählte Rolle wird im PDF hervorgehoben.

Nathan

  1. Vor grauen Jahren lebt’ ein Mann in Osten,
  2. Der einen Ring von unschätzbarem Wert’
  3. Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
  4. Opal, der hundert schöne Farben spielte,
  5. Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
  6. Und Menschen angenehm zu machen, wer
  7. In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
  8. Dass ihn der Mann in Osten darum nie
  9. Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,
  10. Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
  11. Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring
  12. Von seinen Söhnen dem Geliebtesten;
  13. Und setzte fest, dass dieser wiederum
  14. Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
  15. Der ihm der liebste sei; und stets der Liebste,
  16. Ohn’ Ansehn der Geburt, in Kraft allein
  17. Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. —
  18. Versteh mich, Sultan.

Stichwort: „… Hauses werde. — Versteh mich, Sultan.“

Saladin

  1. Ich versteh dich. Weiter!

Stichwort: „Ich versteh dich. Weiter!“

Nathan

  1. So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
  2. Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;
  3. Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
  4. Die alle drei er folglich gleich zu lieben
  5. Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
  6. Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
  7. Der dritte, — so wie jeder sich mit ihm
  8. Allein befand, und sein ergießend Herz
  9. Die andern zwei nicht teilten, — würdiger
  10. Des Ringes; den er denn auch einem jeden
  11. Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
  12. Das ging nun so, so lang es ging. — Allein
  13. Es kam zum Sterben, und der gute Vater
  14. Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
  15. Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort
  16. Verlassen, so zu kränken. — Was zu tun? —
  17. Er sendet in geheim zu einem Künstler,
  18. Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
  19. Zwei andere bestellt, und weder Kosten
  20. Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,
  21. Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
  22. Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
  23. Kann selbst der Vater seinen Musterring
  24. Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
  25. Er seine Söhne, jeden ins besondre;
  26. Gibt jedem ins besondre seinen Segen, —
  27. Und seinen Ring, — und stirbt. — Du hörst doch, Sultan?

Stichwort: „… stirbt. — Du hörst doch, Sultan?“

Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt.)

  1. Ich hör, ich höre! — Komm mit deinem Märchen
  2. Nur bald zu Ende. — Wirds?

Stichwort: „… Nur bald zu Ende. — Wirds?“

Nathan

  1. Ich bin zu Ende.
  2. Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. —
  3. Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder
  4. Mit seinem Ring’, und jeder will der Fürst
  5. Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
  6. Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
  7. Erweislich; —
  8. (nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet)
  9. Fast so unerweislich, als
  10. Uns itzt — der rechte Glaube.

Stichwort: „… Uns itzt — der rechte Glaube.“

Saladin

  1. Wie? das soll
  2. Die Antwort sein auf meine Frage? …

Stichwort: „… Antwort sein auf meine Frage? …“

Nathan

  1. Soll
  2. Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe,
  3. Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
  4. Der Vater in der Absicht machen ließ,
  5. Damit sie nicht zu unterscheiden wären.

Stichwort: „… Damit sie nicht zu unterscheiden wären.“

Saladin

  1. Die Ringe! — Spiele nicht mit mir! — Ich dächte,
  2. Dass die Religionen, die ich dir
  3. Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
  4. Bis auf die Kleidung; bis auf Speis und Trank!

Stichwort: „… Kleidung; bis auf Speis und Trank!“

Nathan

  1. Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht. —
  2. Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
  3. Geschrieben oder überliefert! — Und
  4. Geschichte muss doch wohl allein auf Treu
  5. Und Glauben angenommen werden? — Nicht? —
  6. Nun wessen Treu und Glauben zieht man denn
  7. Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
  8. Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
  9. Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
  10. Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
  11. Getäuscht zu werden uns heilsamer war? —
  12. Wie kann ich meinen Vätern weniger,
  13. Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. —
  14. Kann ich von dir verlangen, dass du deine
  15. Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
  16. Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
  17. Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? —

Stichwort: „… gilt von den Christen. Nicht? —“

Saladin

  1. (Bei dem Lebendigen! Der Mann hat Recht.
  2. Ich muss verstummen.)

Stichwort: „… Mann hat Recht. Ich muss verstummen.)“

Nathan

  1. Lass auf unsre Ring’
  2. Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne
  3. Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
  4. Unmittelbar aus seines Vaters Hand
  5. Den Ring zu haben. — Wie auch wahr! Nachdem
  6. Er von ihm lange das Versprechen schon
  7. Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
  8. Genießen. — Wie nicht minder wahr! — Der Vater,
  9. Beteu’rte jeder, könne gegen ihn
  10. Nicht falsch gewesen sein; und eh’ er dieses
  11. Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
  12. Argwohnen lass’: eh’ müss’ er seine Brüder,
  13. So gern er sonst von ihnen nur das Beste
  14. Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
  15. Bezeihen; und er wolle die Verräter
  16. Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

Stichwort: „… Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.“

Saladin

  1. Und nun, der Richter? — Mich verlangt zu hören,
  2. Was du den Richter sagen lässest. Sprich!

Stichwort: „… du den Richter sagen lässest. Sprich!“

Nathan

  1. Der Richter sprach: wenn ihr mir nun den Vater
  2. Nicht bald zur Stelle schafft, so weis’ ich euch
  3. Von meinem Stuhle. Denkt ihr, dass ich Rätsel
  4. Zu lösen da bin? Oder harret ihr,
  5. Bis dass der rechte Ring den Mund eröffne? —
  6. Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
  7. Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
  8. Vor Gott und Menschen angenehm. Das muss
  9. Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
  10. Doch das nicht können! — Nun; wen lieben zwei
  11. Von euch am meisten? — Macht, sagt an! Ihr schweigt?
  12. Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
  13. Nach außen? Jeder liebt sich selber nur
  14. Am meisten? — O so seid ihr alle drei
  15. Betrogene Betrieger! Eure Ringe
  16. Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
  17. Vermutlich ging verloren. Den Verlust
  18. Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater
  19. Die drei für einen machen.

Stichwort: „… Vater Die drei für einen machen.“

Saladin

  1. Herrlich! herrlich!

Stichwort: „Herrlich! herrlich!“

Nathan

  1. Und also; fuhr der Richter fort, wenn ihr
  2. Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
  3. Geht nur! — Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
  4. Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
  5. Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
  6. So glaube jeder sicher seinen Ring
  7. Den echten. — Möglich; dass der Vater nun
  8. Die Tyrannei des Einen Rings nicht länger
  9. In seinem Hause dulden wollen! — Und gewiss;
  10. Dass er euch alle drei geliebt, und gleich
  11. Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
  12. Um einen zu begünstigen. — Wohlan!
  13. Es eifre jeder seiner unbestochnen
  14. Von Vorurteilen freien Liebe nach!
  15. Es strebe von euch jeder um die Wette,
  16. Die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag
  17. Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
  18. Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
  19. Mit innigster Ergebenheit in Gott,
  20. Zu Hülf’! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
  21. Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
  22. So lad’ ich über tausend tausend Jahre,
  23. Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
  24. Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen,
  25. Als ich; und sprechen: Geht! — So sagte der
  26. Bescheidne Richter.

Stichwort: „… — So sagte der Bescheidne Richter.“

Saladin

  1. Gott! Gott!

Stichwort: „Gott! Gott!“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Nathan erzählt; das ist ein Bericht mit wörtlicher Rede, der zum Plädoyer wird. Er beobachtet dabei ständig, wie der Sultan reagiert.
  • Der Status verschiebt sich: Am Anfang hat Saladin die Macht, am Ende hängt er an Nathans Lippen.
  • Saladins Einwürfe sind kurz. Halbverse (eingerückt) setzen ohne Pause ein und halten den Blankvers zusammen.
  • Die Szene geht weiter: Saladin bittet Nathan um seine Freundschaft. Der Ausschnitt endet mit „Gott! Gott!“.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

Go to Top