(Ein leerer Kuhstall am Abend nach der Versteigerung. Die Ketten hängen lose an den Fressgittern. Hannes, Ende zwanzig, steht im Mittelgang, einen Eimer in der Hand, der nicht mehr gebraucht wird.)
Zweiundvierzig Kühe, Vater, und jede hatte einen Namen, und jeden Namen hast du dir gemerkt, obwohl auf den Ohrmarken Nummern stehen. Heute hat ein Mann aus dem Allgäu die Berta gekauft, und er hat nicht nach ihrem Namen gefragt. Er hat ihr ins Maul geschaut und auf die Klauen, und dann hat er genickt, so wie man nickt, wenn man ein gebrauchtes Auto nimmt.
Ich habe ihm nicht gesagt, dass sie nur von links gemolken werden will. Ich hätte es sagen sollen. Er wird es merken.
(Er stellt den Eimer ab. Der Klang hallt im leeren Stall.)
Du hast immer gesagt, der Hof ist kein Beruf, der Hof ist ein Versprechen, und man gibt es nicht, man erbt es, wie man die Augenfarbe erbt oder die schlechten Knie. Ich habe dir nie widersprochen. Ich habe in Freising Agrarwissenschaften studiert, weil du es wolltest, und in den Vorlesungen habe ich ausgerechnet, was du nie ausrechnen wolltest: dass der Milchpreis seit Jahren nicht reicht und dass jede Kuh, die wir behalten, ein Stück vom Hof frisst.
Ich bin nicht der, der aufgibt. Ich bin der, der es ausrechnet. Das ist ein Unterschied, auch wenn er heute im Dorf niemandem aufgefallen ist.
(Er geht an den leeren Standplätzen entlang und berührt eine Kette.)
Die Wiesen verpachte ich an den Nachbarn. Das Haus bleibt. Die Mutter bleibt. Ich bleibe auch, Vater, nur anders, als du es dir vorgestellt hast. Morgens fahre ich jetzt nach Landshut ins Büro, und abends komme ich zurück und gehe hier entlang, und es wird still sein, so still wie jetzt.
Das Versprechen habe ich nicht gebrochen. Ich habe es nur in eine andere Sprache übersetzt. In deine Sprache lässt es sich nicht übersetzen, ich weiß. Aber du hörst ja auch nicht mehr zu.
(Er nimmt die Kette vom Haken, rollt sie auf und legt sie auf den Sims.)
Berta von links. Ich schreib es ihm morgen.
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