Minna und Riccaut: „Corriger la fortune“

Dialog · 2 Personen · Aufklärung · Prosa mit französischen Einschüben

Minna und Riccaut: Corriger la fortune

aus Minna von Barnhelm, oder das Soldatenglück (1767) von Gotthold Ephraim Lessing · IV. Aufzug, 2. Auftritt

Originaltext · Minna von Barnhelm, oder das Soldatenglück, Gotthold Ephraim Lessing (1767)eingerichtet
Dauer
ca. 11,5 Mingeschätzt, 1450 Wörter
Umfang
1450 WörterRiccaut · Minna
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 18–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
aufschneiderischkomisch
Sprache
Prosa mit französischen Einschübenbehutsam modernisiert
PDF-Optionen
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Riccaut (noch innerhalb der Szene)

Est-il permis, Monsieur le Major?

Stichwort: „Est-il permis, Monsieur le Major?“

[…]

Riccaut

Parbleu! Ik bin unriktig. — Mais non — Ik bin nit unriktig — C’est sa chambre —

Stichwort: „… unriktig — C’est sa chambre —“

[…]

Riccaut

Iß so! — Le Major de Tellheim; juste, ma bel enfant, c’est lui que je cherche. Où est-il?

Stichwort: „… lui que je cherche. Où est-il?“

[…]

Riccaut

Comment? nok vor vier un swanzik Stund hier logier? Und logier nit mehr hier? Wo logier er denn?

Stichwort: „… mehr hier? Wo logier er denn?“

Minna (die auf ihn zu kömmt)

Mein Herr, —

Stichwort: „Mein Herr, —“

Riccaut

Ah, Madame, — Mademoiselle — Ihro Gnad verzeih —

Stichwort: „… Mademoiselle — Ihro Gnad verzeih —“

Minna

Mein Herr, Ihre Irrung ist sehr zu vergeben, und Ihre Verwunderung sehr natürlich. Der Herr Major hat die Güte gehabt, mir, als einer Fremden, die nicht unter zu kommen wusste, sein Zimmer zu überlassen.

Stichwort: „… kommen wusste, sein Zimmer zu überlassen.“

Riccaut

Ah voila de ses politesses! C’est un très galant-homme que ce Major!

Stichwort: „… un très galant-homme que ce Major!“

Minna

Wo er indes hingezogen, — wahrhaftig, ich muss mich schämen, es nicht zu wissen.

Stichwort: „… mich schämen, es nicht zu wissen.“

Riccaut

Ihro Gnad nit wiß? C’est dommage; j’en suis faché.

Stichwort: „… wiß? C’est dommage; j’en suis faché.“

Minna

Ich hätte mich allerdings darnach erkundigen sollen. Freilich werden ihn seine Freunde noch hier suchen.

Stichwort: „… ihn seine Freunde noch hier suchen.“

Riccaut

Ik bin sehr von seine Freund, Ihro Gnad —

Stichwort: „… von seine Freund, Ihro Gnad —“

[…]

Riccaut

Ik hätt ihn zu sprek, sehr notwendik. Ik komm ihm bringen eine Nouvelle, davon er sehr fröhlik sein wird.

Stichwort: „… davon er sehr fröhlik sein wird.“

Minna

Ich bedauere um so viel mehr. — Doch hoffe ich, vielleicht bald, ihn zu sprechen. Ist es gleichviel, aus wessen Munde er diese gute Nachricht erfährt, so erbiete ich mich, mein Herr — —

Stichwort: „… ich mich, mein Herr — —“

Riccaut

Ik versteh. — Mademoiselle parle françois? Mais sans doute; telle que je la vois! — La demande etoit bien impolie; Vous me pardonnerés, Mademoiselle. —

Stichwort: „… impolie; Vous me pardonnerés, Mademoiselle. —“

Minna

Mein Herr —

Stichwort: „Mein Herr —“

Riccaut

Nit? Sie sprek nit Französisch, Ihro Gnad?

Stichwort: „… Sie sprek nit Französisch, Ihro Gnad?“

Minna

Mein Herr, in Frankreich würde ich es zu sprechen suchen. Aber warum hier? Ich höre ja, dass Sie mich verstehen, mein Herr. Und ich, mein Herr, werde Sie gewiss auch verstehen; sprechen Sie, wie es Ihnen beliebt.

Stichwort: „… sprechen Sie, wie es Ihnen beliebt.“

Riccaut

Gutt, gutt! Ik kann auk mik auf Deutsch explicier. — Sachés donc. Mademoiselle — Ihro Gnad soll also wiß, dass ik komm von die Tafel bei der Minister — Minister von — Minister von — wie heiß der Minister da draus? — in der lange Straß? — auf die breite Platz? —

Stichwort: „… — auf die breite Platz? —“

Minna

Ich bin hier noch völlig unbekannt.

Stichwort: „Ich bin hier noch völlig unbekannt.“

Riccaut

Nun, die Minister von der Kriegsdepartement. — Da haben ik zu Mittag gespeisen; — ik speisen à l’ordinaire bei ihm, — und da iß man gekommen reden auf der Major Tellheim; & le Ministre m’a dit en confidence, car Son Excellence est de mes amis, & il n’y a point de mystéres entre nous — Se. Excellenz, will ik sag, haben mir vertrau, dass die Sak von unserm Major sei auf den Point zu enden, und gutt zu enden. Er habe gemakt ein Rapport an den Könik, und der Könik habe darauf resolvir, tout-à-fait en faveur du Major. — Monsieur, m’a dit Son Excellence, Vous comprenés bien, que tout depend de la maniere, dont on fait envisager les choses au Roi, & Vous me connoissés. Cela fait un très-joli garçon que ce Tellheim, & ne sais-je pas que Vous l’aimés? Les amis de mes amis sont aussi les miens. Il coute un peu cher au Roi ce Tellheim, mais est-ce que l’on sert les Rois pour rien? Il faut s’entr’aider en ce monde; & quand il s’agit de pertes, que ce soit le Roi, qui en fasse, & non pas un honnet-homme de nous autres. Voilà le principe, dont je ne me depars jamais. — Was sag Ihro Gnad hierzu? Nit wahr, das iß ein brav Mann? Ah que Son Excellence a le coeur bien placé! Er hat mir au reste versiker, wenn der Major nit schon bekommen habe une Lettre de la main — eine Könikliken Handbrief, — dass er heut infalliblement müsse bekommen einen.

Stichwort: „… er heut infalliblement müsse bekommen einen.“

Minna

Gewiss, mein Herr, diese Nachricht wird dem Major von Tellheim höchst angenehm sein. Ich wünschte nur, ihm den Freund zugleich mit Namen nennen zu können, der so viel Anteil an seinem Glücke nimmt —

Stichwort: „… Anteil an seinem Glücke nimmt —“

Riccaut

Mein Namen wünscht Ihro Gnad? — Vous voyés en moi — Ihro Gnad seh in mik le Chevalier Riccaut de la Marliniere, Seigneur de Pret-au-val, de la Branche de Prensd’or. — Ihro Gnad steh verwundert, mik aus so ein groß, groß Familie zu hören, qui est veritablement du sang Royal. — Il faut le dire; je suis sans doute le Cadet le plus avantureux, que la maison a jamais eu — Ik dien von meiner elfte Jahr. Ein Affaire d’honneur makte mik fliehen. Darauf haben ik gedienet Sr. Päpstlichen Eilikheit, der Republick St. Marino, der Kron Polen, und den Staaten-General, bis ik endlik bin worden gezogen hierher. Ah, Mademoiselle, que je voudrois n’avoir jamais vû ce pais-la! Hätte man mik gelaß im Dienst von den Staaten-General, so müsst ik nun sein, aufs wenikst Oberst. Aber so hier immer und ewik Capitaine geblieben, und nun gar sein ein abgedankte Capitaine —

Stichwort: „… gar sein ein abgedankte Capitaine —“

Minna

Das ist viel Unglück.

Stichwort: „Das ist viel Unglück.“

Riccaut

Oui, Mademoiselle, me voilà reformé, & par-là mis sur le pavé!

Stichwort: „… & par-là mis sur le pavé!“

Minna

Ich beklage sehr.

Stichwort: „Ich beklage sehr.“

Riccaut

Vous étes bien bonne, Mademoiselle. — Nein, man kenn sik hier nit auf den Verdienst. Einen Mann, wie mik, zu reformir! Einen Mann, der sik nok dazu in diesem Dienst hat rouinir! — Ik haben dabei sugesetzt, mehr als swanzik tausend Livres. Was hab ik nun? Tranchons le mot; je n’ai pas le sou, & me voilà exactement vis-à-vis du rien. —

Stichwort: „… voilà exactement vis-à-vis du rien. —“

Minna

Es tut mir ungemein leid.

Stichwort: „Es tut mir ungemein leid.“

Riccaut

Vous étes bien bonne, Mademoiselle. Aber wie man pfleg zu sagen: ein jeder Unglück schlepp nak sik seine Bruder; qu’ un malheur ne vient jamais seul: so mit mir arrivir. Was ein Honnet-homme von mein Extraction kann anders haben für Resource, als das Spiel? Nun hab ik immer gespielen mit Glück, so lang ik hatte nit von nöthen der Glück. Nun ik ihr hätte von nöthen, Mademoiselle, je joue avec un guignon, qui surpasse toute croyance. Seit funfsehn Tag iß vergangen keine, wo sie mik nit hab gesprenkt. Nok gestern habe sie mik gesprenkt dreymal. Je sais bien, qu’il y avoit quelque chose de plus que le jeu. Car parmi mes pontes se trouvoient certaines Dames — Ik will niks weiter sag. Man muss sein galant gegen die Damen. Sie haben auk mik heut invitir, mir zu geben revanche; mais — Vous m’ entendés, Mademoiselle — Man muss erst wiß, wovon leben; ehe man haben kann, wovon zu spielen. —

Stichwort: „… haben kann, wovon zu spielen. —“

Minna

Ich will nicht hoffen, mein Herr —

Stichwort: „… will nicht hoffen, mein Herr —“

Riccaut

Vous étes bien bonne, Mademoiselle —

Stichwort: „Vous étes bien bonne, Mademoiselle —“

[…]

Minna

Gut! — Mein Herr, ich höre, — dass Sie spielen; dass Sie Bank machen; ohne Zweifel an Orten, wo etwas zu gewinnen ist. Ich muss Ihnen bekennen, dass ich — gleichfalls das Spiel sehr liebe, —

Stichwort: „… gleichfalls das Spiel sehr liebe, —“

Riccaut

Tant mieux, Mademoiselle, tant mieux! Tous les gens d’esprit aiment le jeu à la fureur.

Stichwort: „… aiment le jeu à la fureur.“

Minna

Dass ich sehr gern gewinne; sehr gern mein Geld mit einem Mann wage, der — zu spielen weiß. — Wären Sie wohl geneigt, mein Herr, mich in Gesellschaft zu nehmen? mir einen Anteil an Ihrer Bank zu gönnen?

Stichwort: „… Anteil an Ihrer Bank zu gönnen?“

Riccaut

Comment, Mademoiselle, Vous voulés étre de moitié avec moi? De tout mon coeur.

Stichwort: „… avec moi? De tout mon coeur.“

Minna

Vors erste, nur mit einer Kleinigkeit — (geht und langt Geld aus ihrer Schatulle)

Stichwort: „… erste, nur mit einer Kleinigkeit —“

Riccaut

Ah, Mademoiselle, que Vous étes charmante! —

Stichwort: „… Mademoiselle, que Vous étes charmante! —“

Minna

Hier habe ich, was ich ohnlängst gewonnen; nur zehn Pistolen — Ich muss mich zwar schämen, so wenig —

Stichwort: „… mich zwar schämen, so wenig —“

Riccaut

Donnés toujours, Mademoiselle, donnés (nimmt es)

Stichwort: „Donnés toujours, Mademoiselle, donnés“

Minna

Ohne Zweifel, dass Ihre Bank, mein Herr, sehr ansehnlich ist —

Stichwort: „… mein Herr, sehr ansehnlich ist —“

Riccaut

Ja wohl sehr ansehnlik. Sehn Pistol? Ihr Gnad soll sein dafür interessir bei meiner Bank auf ein Dreiteil, pour le tiers. Swar auf ein Dreiteil sollen sein — etwas mehr. Dok mit einer schöne Damen muss man es nehmen nit so genau. Ik gratulir mik, zu kommen dadurk in liaison mit Ihro Gnad, & de ce moment je recommence à bien augurer de ma fortune.

Stichwort: „… à bien augurer de ma fortune.“

Minna

Ich kann aber nicht dabei sein, wenn Sie spielen, mein Herr.

Stichwort: „… sein, wenn Sie spielen, mein Herr.“

Riccaut

Was brauk Ihro Gnad dabei su sein? Wir andern Spieler sind ehrlike Leut unter einander.

Stichwort: „… Spieler sind ehrlike Leut unter einander.“

Minna

Wenn wir glücklich sind, mein Herr, so werden Sie mir meinen Anteil schon bringen. Sind wir aber unglücklich —

Stichwort: „… bringen. Sind wir aber unglücklich —“

Riccaut

So komm ik holen Rekruten. Nit wahr, Ihro Gnad?

Stichwort: „… holen Rekruten. Nit wahr, Ihro Gnad?“

Minna

Auf die Länge dürften die Rekruten fehlen. Verteidigen Sie unser Geld daher ja wohl, mein Herr.

Stichwort: „… Geld daher ja wohl, mein Herr.“

Riccaut

Wo für seh mik Ihro Gnad an? Für ein Einfalspinse? für ein dumme Teuff?

Stichwort: „… ein Einfalspinse? für ein dumme Teuff?“

Minna

Verzeihen Sie mir —

Stichwort: „Verzeihen Sie mir —“

Riccaut

Je suis des Bons, Mademoiselle. Savés-vous ce que cela veut dire? Ik bin von die Ausgelernt —

Stichwort: „… Ik bin von die Ausgelernt —“

Minna

Aber doch wohl, mein Herr —

Stichwort: „Aber doch wohl, mein Herr —“

Riccaut

Je sais monter un coup —

Stichwort: „Je sais monter un coup —“

Minna (verwundernd)

Sollten Sie?

Stichwort: „Sollten Sie?“

Riccaut

Je file la carte avec une adresse —

Stichwort: „… la carte avec une adresse —“

Minna

Nimmermehr!

Stichwort: „Nimmermehr!“

Riccaut

Je fais sauter la coupe avec une dexterité —

Stichwort: „… la coupe avec une dexterité —“

Minna

Sie werden doch nicht, mein Herr? —

Stichwort: „… werden doch nicht, mein Herr? —“

Riccaut

Was nit? Ihro Gnade, was nit? Donnés-moi un pigeonneau à plumer, & —

Stichwort: „… un pigeonneau à plumer, & —“

Minna

Falsch spielen? betrügen?

Stichwort: „Falsch spielen? betrügen?“

Riccaut

Comment, Mademoiselle? Vous appellés cela betrügen? Corriger la fortune, l’enchainer sous ses doits, être sûr de son fait, das nenn die Deutsch betrügen? betrügen! O, was ist die deutsch Sprak für ein arm Sprak! für ein plump Sprak!

Stichwort: „… arm Sprak! für ein plump Sprak!“

Minna

Nein, mein Herr, wenn Sie so denken —

Stichwort: „… Herr, wenn Sie so denken —“

Riccaut

Laissés-moi faire, Mademoiselle, und sein Sie ruhik? Was gehn Sie an, wie ik spiel? — Gnug, morgen entweder sehn mik wieder Ihro Gnad mit hundert Pistol, oder seh mik wieder gar nit. — Votre très-humble, Mademoiselle, votre très-humble — (eilends ab)

Stichwort: „… Votre très-humble, Mademoiselle, votre très-humble —“

Minna (die ihm mit Erstaunen und Verdruss nachsieht)

Ich wünsche das letzte, mein Herr, das letzte!

Stichwort: „… das letzte, mein Herr, das letzte!“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Riccauts Sprache ist die Komik: gebrochenes Deutsch, französische Einschübe, Selbstlob. Lerne die französischen Sätze sicher und verstehe sie; das Publikum versteht sie über deinen Ton.
  • Minna ist keine Stichwortgeberin. Sie lenkt das Gespräch geschickt, ist neugierig, mitfühlend und am Ende empört.
  • Riccaut kennt keine Scham. Er hält Falschspiel für Kunst („Corriger la fortune“). Spiele ihn charmant, nicht als Schurken.
  • In dieser Fassung sind die wenigen Repliken von Minnas Zofe Franziska gestrichen und mit […] markiert. So entsteht eine Komödienszene für zwei.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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