Frau John und Pauline: „Ick will dir helfen“

Dialog · 2 Personen · Naturalismus · Berlinisch und gebrochenes Deutsch

Frau John und Pauline: komm, hab ick jesacht, ick will dir helfen.

aus Die Ratten (1911) von Gerhart Hauptmann · I. Akt (Anfang)

Originaltext · Die Ratten, Gerhart Hauptmann (1911)gekürzt
Dauer
ca. 6,5 Mingeschätzt, 786 Wörter
Umfang
786 WörterFrau John · Pauline
Figur
w + w · 2 Personen
Spielalter
ca. 18–48redaktionelle Einschätzung
Tonlage
überredendtragikomisch
Sprache
Berlinisch und gebrochenes Deutsch
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Frau John

Na ja doch! Freilich! Ick sag’t ja, Pauline.

Stichwort: „… doch! Freilich! Ick sag’t ja, Pauline.“

Pauline

Nu ja. Ick will nu also Schlachtensee oder Halensee. Muß jehn un muß nachsehn, ob ick ihm treffe! –

Stichwort: „… nachsehn, ob ick ihm treffe! –“

(Sie trocknet ihre Tränen und will sich erheben.)

Frau John (verhindert die Piperkarcka am Aufstehen)

Pauline! Um Jottes Willen, bloß det nich! Det nich, um keenen Preis von de Welt. Det macht Skandal, kost Jeld und bringt nischt. Wat woll’n Se woll, und wo Se noch in den Zustande sind! dem schlechten Halunken noch weiter nachlofen!?

Stichwort: „… dem schlechten Halunken noch weiter nachlofen!?“

Pauline

Denn soll meine Wirtin heute soll warten umsonst verjeblich auf mir. Ick spring im Landwehrkanal und versaufe.

Stichwort: „… Ick spring im Landwehrkanal und versaufe.“

Frau John

Pauline! Warum denn? warum denn, Pauline? Jeben Se Obacht, heren Se jetzt bloß um Jotteswillen ’n janz’n eenziges ... bloß ma ’n janzen kleenen Ochenblick uf mir, und passen Se dadruf uf, wat ick Ihn vorstelle! Det wissen Se doch, ick hab et Ihn doch bei de Normaluhr, wo ick an Alexanderplatz aus de Marchthalle bin jekomm, jleich anjesehn und hab et Ihn uf’n Kopp druf jesacht. Wat hab ick jesacht? Jeld, hab ick Ihn uf’n Kopp druf jefragt, jeld, kleenet Aas, er will nischt von wissen! – Det jeht hier vielen, det jeht hier allen, det jeht hier vielen Millionen Mächens so! Und denn hab ick jesacht ... wat hab ick jesacht? komm, hab ick jesacht, ick will dir helfen.

Stichwort: „… ick jesacht, ick will dir helfen.“

Pauline

Zu Hause darf ick mir nu janz natürlich nich blicken lassen, wie ick verändert bin. Mutter schreit doch auf’s ersten Blick! Vater haut mir Kopf an die Wand und schmeißt mir Straße. Jeld hab ick nu ebenfalls och weiter nu weiter keens nich! als wie Stücker zwei Joldstücke, was ick mich Jackettfutter einjenäht. Hätte mich, schlechter Mensch nich Mark nich Pfennig übrig gelassen.

Stichwort: „… nich Mark nich Pfennig übrig gelassen.“

Frau John

Freilein, mein Mann ist Mauerpolier. Freilein: wenn Se bloß wollten Obacht jebn ... jebn Se doch um Jotteswillen Obacht, wat ick Ihn for Vorschläge unterbreiten tu. Freilein, denn is doch uns beede jeholfen. Ihn is jeholfen und so desselbijen jleichen och mir. Außerden is Pauln, wat mein Mann is, jeholfen, wo sterbensjerne een Kindeken will, weil det uns doch unser eenziget, unser Adelbertchen, an de Bräune jestorben is. Ihr Kind hat et jut wie’n eechnet Kind. Denn kenn Se jehn Ihrem Schatz wieder ufsuchen, kenn wieder in’n Dienst, kenn wieder bei Ihre Eltern jehn, det Kind hat et jut und keen Mensch uf die janze Welt nich braucht wat von wissen.

Stichwort: „… Welt nich braucht wat von wissen.“

Pauline

I jrade! Ick stürze mir Landwehrkanal! – (sie steht auf) – Ick schreibe Zettel, ick lasse Zettel in mein Jackett zurück: du hast mit deine verfluchte Schlechtigkeit deine Pauline im Wasser jetrieben! dann setze vollen Namen Alois Theophil Brunner, Instrumentenmacher zu. Denn soll er sehn, wie er mit sein Mord auf Jewissen man meinswegen fertig wird.

Stichwort: „… auf Jewissen man meinswegen fertig wird.“

[…]

Pauline

Atje. Hier jefällt mir nich. Wenn mich wieder sprechen wollen, lieber Bank bei Wasserkunst Kreuzberg, Frau John.

Stichwort: „… Bank bei Wasserkunst Kreuzberg, Frau John.“

Frau John

Pauline, ick ha Brunon mit Sorje un Kummer Tag un Nacht jroßjebracht. Ihr Kindeken hat et noch zwanzigmal besser. Also Pauline, wenn et jeboren is, nehm ick det Kind un, bei meine in Jott vastorbene Eltern, wo ick an Totensonntag immer noch und keen Mensch mich zurückhält nach Rüdersdorf jeh und Lichter uf beede Jräber ansteche: det kleene Wurm soll et madich jut habn, wie et besser keen jeborener Prinz und keene jeborene Prinzessin haben tut.

Stichwort: „… und keene jeborene Prinzessin haben tut.“

Pauline

Ick jeh, mit meine letzten Pfennig kaufen mir Vitriol – trefft wen trefft! – un jießen dem Weibsbild, wo mit ihm jeht – trefft wen trefft! ... mitten in Jesicht! trefft wen trefft! brennt ihm janze verfluchte hübsche Visage kaput! Mir jleich! Brennt ihm Bart kaput! Brennt ihm Augen kaput! wenn er mit andres Frauenzimmer jeht. Trefft wen trefft! Hat mir betrogen! zu Jrunde jerichtet! hat mir Jeld jeraubt! hat mich Ehre jeraubt! hat mich verfluchtiger Hund verführt, verlassen, belogen, betrogen, in Elend jestoßen! Trefft wen trefft! Soll blind sein! Nase soll wegjefressen sein! soll jar nich mehr überhaupt auf Erde sein!

Stichwort: „… nich mehr überhaupt auf Erde sein!“

Frau John

Freilein Pauline, bei meine ewige Seligkeit, von Stund an, wo det kleene Wurm erstma uf de Welt is ... von den Augenblick an! ... det soll et haben, als wenn et, ick weeß nich wo! in Samt und Seide jeboren wär. Bloß jutes Zutrauen! und, det Se »ja« sachen! – Ick habe mir allens ausjedacht. Et jeht zu machen, Pauline, et jeht, et jeht sach ick Ihn! Und weder ’n Dokter, noch Polizei, noch Ihre Wirtin merkt wat von. – Und denn kriegen Se erst ma hundertunddreiundzwanzig Mark, wat ick mir von det Reinmachen hier beim Direkter Hassenreuter abjespart habe, ausjezahlt.

Stichwort: „… beim Direkter Hassenreuter abjespart habe, ausjezahlt.“

Pauline

Denn lieber bei die Jeburt erwürgen! verkaufen nich!

Stichwort: „… bei die Jeburt erwürgen! verkaufen nich!“

Frau John

Wer redet denn von verkofen, Pauline?

Stichwort: „Wer redet denn von verkofen, Pauline?“

Pauline

Wat hab ick Oktober vorijen Jahr bis heutijen Tag for Himmelsangst ausjestanden. Bräutijam steßt mir fort! Mietsfrau steßt mir fort. Schlafbodenstelle is mich jekindigt. Wat du ick denn, daß man mir so verachtet und von die Leute verflucht un ausstoßen muß?

Stichwort: „… die Leute verflucht un ausstoßen muß?“

Frau John

Det sach ick ja, det kommt, weil der Deibel unsern Herrn Christus Heiland noch immer ieber is.

Stichwort: „… Christus Heiland noch immer ieber is.“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Frau John spricht Berlinisch, Pauline ein gebrochenes Deutsch mit polnischem Einschlag. Die Schreibung der Vorlage bleibt; mehr zu Dialekten im Schauspiel.
  • Die beiden reden lange aneinander vorbei. Frau John hört Paulines Verzweiflung kaum; Pauline hört Frau Johns Angebot erst spät.
  • Frau John ist keine Böse. Ihr Wunsch nach einem Kind ist echt, ihre Methoden sind es auch. Der Konflikt liegt in dieser Mischung.
  • Ein kurzer Auftritt von Frau Johns Bruder Bruno ist gestrichen und mit […] markiert.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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