(Ein Bürgeramt, Schalter vier. Werner, Ende siebzig, den Hut auf dem Schoß, sitzt einer jungen Sachbearbeiterin gegenüber. Vor ihm liegen sein Personalausweis und ein ausgefülltes Formular.)
Einen Reisepass. Ja. Für mich. Ich weiß, ich bin neunundsiebzig. Ich hab nie einen gebraucht. Wir waren immer an der Ostsee. Einmal am Gardasee, da reichte der Ausweis.
Wohin? (Pause.) Kanada. Toronto.
(Er legt eine ausgedruckte Flugbuchung auf den Tisch, sehr ordentlich gefaltet.)
Mein Sohn wohnt da. Seit elf Jahren. Mit seinem Mann. (Er sieht sie an, ob sie reagiert. Sie reagiert nicht.) Mit seinem Mann. So. Jetzt hab ich das einmal laut gesagt, in einem Amt. Das ging ja.
Ich war nicht bei der Hochzeit. Ich hab gesagt, ich hab Rücken. Ich hatte keinen Rücken. Meine Frau ist allein geflogen. Die hat mir hinterher die Fotos gezeigt, und ich hab gesagt, schön, und hab weggeguckt. Zehn Jahre lang hab ich weggeguckt.
Seit Lisbeth tot ist, ruft er jeden Sonntag an. Um fünf, weil es bei ihm dann elf Uhr vormittags ist. Und letzten Sonntag hat er gesagt: Papa, Daniel lässt fragen, ob du nicht mal kommen willst. Daniel. Nicht er. Der Daniel lässt fragen.
(Pause.)
Da hab ich aufgelegt. Nicht aus Wut. Ich konnte nichts sagen. Und am Montag hab ich den Flug gebucht. Im Internet. Hat drei Stunden gedauert. Meine Nachbarin musste mir das mit dem Sitzplatz zeigen.
(Die Sachbearbeiterin bittet ihn an das Fotogerät neben dem Schalter. Er steht auf und setzt sich davor.)
Nicht lächeln? Gut. Das kann ich. Das hab ich lange geübt. (Er sieht starr in die Kamera. Dann zuckt ein Mundwinkel.) Entschuldigung. (Neuer Versuch. Wieder der Mundwinkel.) Das ist, weil ich an den Daniel denken muss. Der hat am Telefon so eine Stimme, als ob er gleich lacht.
(Er atmet durch, ganz ernst.) So. Jetzt. (Klick.) Wie lange dauert das, bis der Pass da ist? Drei bis vier Wochen? (Er nickt und setzt den Hut auf.) Das reicht. Der Flug ist erst im Mai. Ich hab mir Zeit gelassen. Zehn Jahre. Auf drei Wochen kommt’s jetzt nicht mehr an.
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