(Das Flachdach einer Feuerwache in einer Kleinstadt, Morgengrauen nach einer Flutnacht. Johanna, Hydrologin, steht durchnässt am Rand, ein aufgerolltes Seil über der Schulter. Unten steht das Wasser bis zu den Fenstern.)
- Sechs Meter achtzig. Gestern warn es vier.
- Ich hab die Zahl im März schon aufgeschrieben,
- auf Seite zwölf, mit Rotstift unterstrichen,
- und habe sie dem Rat der Stadt gegeben.
- Man hat genickt. Man hat mir Tee gebracht.
- Der Bürgermeister sprach von Augenmaß.
- Ich brachte Kurven mit, er brachte Maß.
- Er sagte, dass die Leute Ruhe wollen,
- dass man den Markt im Juni nicht verlegt;
- die Angst, so sprach er, sei kein guter Rat.
(Sie sieht hinunter.)
- Jetzt steh ich auf dem Dach der Feuerwehr,
- und unter mir der Markt. Er ist verlegt.
- Der Fluss hat ihn verlegt, ganz ohne Rat.
- Die Stände schwimmen bis zur Apotheke,
- die Kirchturmuhr steht still auf zehn nach drei.
- Ich bin Kassandra nicht. Kassandra sah
- die Zukunft, weil ein Gott es so gewollt.
- Ich hab nur einen Pegel abgelesen.
- Das kann ein Kind. Das hätte jeder können.
- Und doch hat keiner hingesehn. Weil keiner
- dort hinsehn wollte, wo die Rechnung steht.
(Ein Ruf von unten. Sie tritt an den Rand.)
- Da drüben winkt der Bürgermeister. Nass
- bis an die Brust. Er ruft. Ich hör ihn nicht.
- Ich hör ihn doch. Ich werf ihm dieses Seil.
(Sie nimmt das Seil von der Schulter und wirft.)
- Ich werf es ihm, wie ich es jedem werfe,
- und sag kein Wort. Er weiß es ohnehin.
- Und morgen fragt man mich: Wer hat’s gewusst?
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Ende des Textes

