Antigone: „O Grab! o Brautbett!“

Monolog · Antike · Ungereimte Verse (Übertragung Hölderlin)

Antigone: O Grab! o Brautbett!

aus Antigone von Sophokles · Hölderlins Übertragung „Antigonae“, Dritter Akt

Originaltext · Antigone, Sophoklesungekürzt
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 313 Wörter
Umfang
44 Verseungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 16–28redaktionelle Einschätzung
Tonlage
trotzigernst & dramatisch
Sprache
Ungereimte Verse (Übertragung Hölderlin)behutsam modernisiert
PDF-Optionen
  1. O Grab! o Brautbett! unterirdische
  2. Behausung, immerwach! Da werd ich reisen
  3. Den Meinen zu, von denen zu den Toten
  4. Die meiste Zahl, nachdem sie weiter gangen,
  5. Zornigmitleidig dort ein Licht begrüßt hat;
  6. Von denen ich die Letzte nun am schlimmsten
  7. In weiter Welt vergehn muss, ehe mir
  8. Des Lebens Grenze kommt. Doch komm ich an,
  9. So nähr ich das mit Hoffnungen gar sehr,
  10. Dass lieb ich kommen werde für den Vater,
  11. Auch dir lieb, meine Mutter! lieb auch dir,
  12. Du brüderliches Haupt! Denn als ihr starbt,
  13. Hab ich genommen euch mit eigner Hand,
  14. Und ausgeschmückt, und über eurem Grabe
  15. Trankopfer euch gebracht. Nun, Polynikes,
  16. Indem ich decke deinen Leib, erlang ich dies,
  17. Obgleich ich dich geehrt, vor Wohlgesinnten.
  18. Nie nämlich, weder wenn ich Mutter
  19. Von Kindern wäre, oder ein Gemahl
  20. Im Tode sich verzehret, hätt ich mit Gewalt,
  21. Als wollt ich einen Aufstand, dies errungen.
  22. Und welchem Gesetze sag ich dies zu Dank?
  23. Wär ein Gemahl gestorben, gäb es andre,
  24. Und auch ein Kind von einem andern Manne,
  25. Wenn diesen ich umarmt. Wenn aber Mutter
  26. Und Vater schläft, im Ort der Toten beides,
  27. Stehts nicht, als wüchs ein andrer Bruder wieder.
  28. Nach solchem Gesetze hab ich dich geehrt,
  29. Dem Kreon aber schien es eine Sünde,
  30. Und sehr gewagt, o brüderliches Haupt!
  31. Und jetzt führt er mich weg, mit Händen so mich greifend,
  32. Mich ohne Bett und Hochzeit; noch der Ehe Teil
  33. Hab ich empfangen, noch ein Kind zu nähren.
  34. Doch einsam so von Lieben, unglückselig,
  35. Lebendig in die Wildnis der Gestorbnen
  36. Komm ich hinab. Welch Recht der Geister übertretend?
  37. Was soll ich Arme noch zu himmlischen
  38. Gewalten schaun? Wen singen der Waffengenossen?
  39. Da ich Gottlosigkeit aus Frömmigkeit empfangen.
  40. Doch wenn nun dieses schön ist vor den Göttern,
  41. So leiden wir und bitten ab, was wir
  42. Gesündiget. Wenn aber diese fehlen,
  43. So mögen sie nicht größer Unglück leiden,
  44. Als sie bewirken offenbar an mir.

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Spielhinweise

  • Hölderlin übersetzt nah am griechischen Satzbau. Viele Sätze beginnen mit dem Objekt oder schieben das Verb weit nach hinten („Hab ich genommen euch mit eigner Hand“). Kläre jeden Satz für dich, bevor du ihn sprichst, dann trägt die ungewohnte Wortstellung.
  • Die Rede ist keine reine Klage. In der Mitte steht ein Argument: Ein Ehemann oder ein Kind wären ersetzbar, ein Bruder nach dem Tod der Eltern nicht. Spiele den Gedanken als Beweisführung, nicht als Gefühlsausbruch.
  • „Brautbett“ und „Grab“ stehen im ersten Satz nebeneinander. Die verlorene Hochzeit kommt später zurück („Mich ohne Bett und Hochzeit“). Lass beide Bilder verbunden bleiben.
  • Der Schluss richtet sich an die Götter: Wenn sie im Unrecht ist, will sie leiden; wenn Kreon im Unrecht ist, soll ihm dasselbe geschehen. Das ist ihre letzte Handlung, kein Ausklingen.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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