Wurzelsepp: „Weil mich’s freut, ein von euch da zu sehn“

Monolog · Realismus · Bairisch-österreichische Mundart

Wurzelsepp: Weil mich’s freut, ein von euch da zu sehn

aus Der Pfarrer von Kirchfeld (1870) von Ludwig Anzengruber · I. Akt, 4. Szene

Originaltext · Der Pfarrer von Kirchfeld, Ludwig Anzengruber (1870)ungekürzt
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 341 Wörter
Umfang
341 Wörterungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 40–65redaktionelle Einschätzung
Tonlage
bitterleidenschaftlich
Sprache
Bairisch-österreichische Mundart
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Weil mich’s freut, ein von euch da zu sehn, wo ich vor zwanzig Jahren mich gwunden hab wie ein Wurm! Damals bin ich auf die Knie glegn vorm Pfarrer und hab gsagt: „Herr! Das Derndl is mir in d’ Seel gwachsen, wann’s a a Lutherische is; unser Herrgott, der mir ’s Herz in d’ Brust gebn hat, wird wissen, wie das hat gschehn können. Gebts mich zsamm mit ihr!“ Die Höll hat er ledig auf mich loslassen – ’s ganze Dorf aufghetzt wider mich – und mein eigene Mutter von mir abgredt – na, und wie die kommen is und gsagt hat: „Sepp, tu’s um mein Seelnruh net!“ da hab ich’s sein lassen. Freilich hat ’s Herz in mir aufgschrien: „So is’s Gotts Will net, daß der Mensch elend sein soll!“ – aber ich hab ihm gsagt, es soll still sein, und seit der Zeit hat’s nindascht mehr dreingredt. Recht stad is’s in mir wordn, ich hab mein Gwerk aufn Nagel ghängt, bin da naufkraxelt auf die Berg, recht hoch, wo’s a so still und kalt is, und bloß, daß ich mein Gedanken auskomm, hab ich mir a Arbeit gmacht und Wurzel und Kräuter gsammelt – und so is ausm Gerber- der Wurzelsepp wordn; – mein Mutter hat den Jammer mit angschaut, helfen hat s’ net könna, das hat s’ gwußt; sie hat gwart und gwart, ob ich nit amol doch mit ein freundlichen Gsicht hoamkomm vom Gebirg. – „Lachst denn gar nimmer, Sepp?“ so hat s’ gfragt in die erst Wochen a paarmal, dann mit der Zeit all Tag und so fragt s’ noch heut – nach zwanzig Jahrn – sie hat sich hintersinnt. (Fährt sich mit dem Ärmel über die Augen, dann heftig.) Wegn mir leicht? Ich denk, das alles ghört auf ein andern sein Konto! – Seit damals bin ich in keiner Kirchn mehr gwesn und mein Mutter – die erst aus Angst um mich und dann von selbn z’ Haus bliebn is – geht a in keine und so sein wir a recht ordentliche Familie wordn! Freilich, a Müh kost’s schon, bis’s einer so weit bringt, aber ich hab’s so weit bracht und jetzt – jetzt probier’s du auch, Pfarrer!

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Spielhinweise

  • Der Sepp spricht bairisch-österreichische Mundart. Die Schreibung der Vorlage zeigt, wie es klingen soll; der Wissenseintrag zu Dialekten erklärt den Unterschied zum bloßen Akzent.
  • Die Rede beginnt mit Schadenfreude und kippt mitten im Satz in Erinnerung. Spiele beides: Er will verletzen und wird selbst wieder verletzt.
  • Die Regieanweisung ist genau gesetzt: Er wischt sich mit dem Ärmel über die Augen und wird sofort heftig. Die Rührung darf nur einen Moment sichtbar sein.
  • Der letzte Satz ist eine Herausforderung, kein Fluch. „Jetzt probier’s du auch, Pfarrer!“ heißt: Verzichte du auch und sieh, was aus dir wird.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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