(Maria rafft sich zusammen und will auf die Elisabeth zugehen, steht aber auf halbem Weg schaudernd still, ihre Gebärden drücken den heftigsten Kampf aus.)
Elisabeth
- Wie, Milords?
- Wer war es denn, der eine Tiefgebeugte
- Mir angekündigt? Eine Stolze find’ ich,
- Vom Unglück keineswegs geschmeidigt.
Stichwort: „… find’ ich, Vom Unglück keineswegs geschmeidigt.“
Maria
- Sei’s!
- Ich will mich auch noch diesem unterwerfen.
- Fahr hin, ohnmächt’ger Stolz der edeln Seele!
- Ich will vergessen, wer ich bin, und was
- Ich litt, ich will vor ihr mich niederwerfen,
- Die mich in diese Schmach herunterstieß.
(Sie wendet sich gegen die Königin.)
- Der Himmel hat für euch entschieden, Schwester!
- Gekrönt vom Sieg ist euer glücklich Haupt,
- Die Gottheit bet’ ich an, die euch erhöhte!
(Sie fällt vor ihr nieder.)
- Doch seid auch ihr nun edelmütig, Schwester!
- Lasst mich nicht schmachvoll liegen, eure Hand
- Streckt aus, reicht mir die königliche Rechte,
- Mich zu erheben von dem tiefen Fall.
Stichwort: „… zu erheben von dem tiefen Fall.“
Elisabeth (zurücktretend)
- Ihr seid an eurem Platz, Lady Maria!
- Und dankend preis’ ich meines Gottes Gnade,
- Der nicht gewollt, dass ich zu euren Füßen
- So liegen sollte, wie ihr jetzt zu meinen.
Stichwort: „… sollte, wie ihr jetzt zu meinen.“
Maria (mit steigendem Affekt)
- Denkt an den Wechsel alles Menschlichen!
- Es leben Götter, die den Hochmut rächen!
- Verehret, fürchtet sie, die schrecklichen,
- Die mich zu euren Füßen niederstürzen –
- Um dieser fremden Zeugen willen, ehrt
- In mir euch selbst, entweihet, schändet nicht
- Das Blut der Tudor, das in meinen Adern,
- Wie in den euren fließt – O Gott im Himmel!
- Steht nicht da, schroff und unzugänglich, wie
- Die Felsenklippe, die der Strandende
- Vergeblich ringend zu erfassen strebt.
- Mein Alles hängt, mein Leben, mein Geschick,
- An meiner Worte, meiner Tränen Kraft,
- Löst mir das Herz, dass ich das eure rühre!
- Wenn ihr mich anschaut mit dem Eisesblick,
- Schließt sich das Herz mir schaudernd zu, der Strom
- Der Tränen stockt, und kaltes Grausen fesselt
- Die Flehensworte mir im Busen an.
Stichwort: „… Die Flehensworte mir im Busen an.“
Elisabeth (kalt und streng)
- Was habt ihr mir zu sagen, Lady Stuart?
- Ihr habt mich sprechen wollen. Ich vergesse
- Die Königin, die schwer beleidigte,
- Die fromme Pflicht der Schwester zu erfüllen,
- Und meines Anblicks Trost gewähr ich euch.
- Dem Trieb der Großmut folg’ ich, setze mich
- Gerechtem Tadel aus, dass ich so weit
- Herunter steige – denn ihr wisst,
- Dass ihr mich habt ermorden lassen wollen.
Stichwort: „… ihr mich habt ermorden lassen wollen.“
Maria
- Womit soll ich den Anfang machen, wie
- Die Worte klüglich stellen, dass sie euch
- Das Herz ergreifen, aber nicht verletzen!
- O Gott, gib meiner Rede Kraft, und nimm
- Ihr jeden Stachel, der verwunden könnte!
- Kann ich doch für mich selbst nicht sprechen, ohne euch
- Schwer zu verklagen, und das will ich nicht.
- – Ihr habt an mir gehandelt, wie nicht recht ist,
- Denn ich bin eine Königin wie ihr,
- Und ihr habt als Gefangne mich gehalten,
- Ich kam zu euch als eine Bittende,
- Und ihr, des Gastrechts heilige Gesetze,
- Der Völker heilig Recht in mir verhöhnend,
- Schlosst mich in Kerkermauern ein, die Freunde,
- Die Diener werden grausam mir entrissen,
- Unwürd’gem Mangel werd’ ich preisgegeben,
- Man stellt mich vor ein schimpfliches Gericht –
- Nichts mehr davon! Ein ewiges Vergessen
- Bedecke, was ich Grausames erlitt.
- – Seht! Ich will alles eine Schickung nennen,
- Ihr seid nicht schuldig, ich bin auch nicht schuldig,
- Ein böser Geist stieg aus dem Abgrund auf,
- Den Hass in unsern Herzen zu entzünden,
- Der unsre zarte Jugend schon entzweit.
- Er wuchs mit uns, und böse Menschen fachten
- Der unglückselgen Flamme Atem zu.
- Wahnsinn’ge Eiferer bewaffneten
- Mit Schwert und Dolch die unberufne Hand –
- Das ist das Fluchgeschick der Könige,
- Dass sie, entzweit, die Welt in Hass zerreißen,
- Und jeder Zwietracht Furien entfesseln.
- – Jetzt ist kein fremder Mund mehr zwischen uns,
(nähert sich ihr zutraulich und mit schmeichelndem Ton)
- Wir stehn einander selbst nun gegenüber.
- Jetzt Schwester redet! Nennt mir meine Schuld,
- Ich will euch völliges Genügen leisten.
- Ach, dass ihr damals mir Gehör geschenkt,
- Als ich so dringend euer Auge suchte!
- Es wäre nie so weit gekommen, nicht
- An diesem traur’gen Ort geschähe jetzt
- Die unglückselig traurige Begegnung.
Stichwort: „… geschähe jetzt Die unglückselig traurige Begegnung.“
Elisabeth
- Mein guter Stern bewahrte mich davor,
- Die Natter an den Busen mir zu legen.
- – Nicht die Geschicke, euer schwarzes Herz
- Klagt an, die wilde Ehrfurcht eures Hauses.
- Nichts Feindliches war zwischen uns geschehn,
- Da kündigte mir euer Ohm, der stolze,
- Herrschwütge Priester, der die freche Hand
- Nach allen Kronen streckt, die Fehde an,
- Betörte euch, mein Wappen anzunehmen,
- Euch meine Königstitel zuzueignen,
- Auf Tod und Leben in den Kampf mit mir
- Zu gehn – Wen rief er gegen mich nicht auf?
- Der Priester Zungen und der Völker Schwert,
- Des frommen Wahnsinns fürchterliche Waffen,
- Hier selbst, im Friedenssitze meines Reichs,
- Blies er mir der Empörung Flammen an –
- Doch Gott ist mit mir, und der stolze Priester
- Behält das Feld nicht – Meinem Haupte war
- Der Streich gedrohet, und das eure fällt!
Stichwort: „… Streich gedrohet, und das eure fällt!“
Maria
- Ich steh’ in Gottes Hand. Ihr werdet euch
- So blutig eurer Macht nicht überheben –
Stichwort: „… blutig eurer Macht nicht überheben –“
Elisabeth
- Wer soll mich hindern? Euer Oheim gab
- Das Beispiel allen Königen der Welt,
- Wie man mit seinen Feinden Frieden macht,
- Die Sankt Barthelemi sei meine Schule!
- Was ist mir Blutsverwandtschaft, Völkerrecht?
- Die Kirche trennet aller Pflichten Band,
- Den Treubruch heiligt sie, den Königsmord,
- Ich übe nur, was eure Priester lehren.
- Sagt! Welches Pfand gewährte mir für euch,
- Wenn ich großmütig eure Bande löste?
- Mit welchem Schloss verwahr’ ich eure Treue,
- Das nicht Sankt Peters Schlüssel öffnen kann?
- Gewalt nur ist die einz’ge Sicherheit,
- Kein Bündnis ist mit dem Gezücht der Schlangen.
Stichwort: „… ist mit dem Gezücht der Schlangen.“
Maria
- O das ist euer traurig finstrer Argwohn!
- Ihr habt mich stets als eine Feindin nur
- Und Fremdlingin betrachtet. Hättet ihr
- Zu eurer Erbin mich erklärt, wie mir
- Gebührt, so hätten Dankbarkeit und Liebe
- Euch eine treue Freundin und Verwandte
- In mir erhalten.
Stichwort: „… Freundin und Verwandte In mir erhalten.“
Elisabeth
- Draußen, Lady Stuart,
- Ist eure Freundschaft, euer Haus das Papsttum,
- Der Mönch ist euer Bruder – Euch, zur Erbin
- Erklären! Der verräterische Fallstrick!
- Dass ihr bei meinem Leben noch mein Volk
- Verführtet, eine listige Armida
- Die edle Jugend meines Königreichs
- In eurem Buhlernetze schlau verstricktet –
- Dass alles sich der neu aufgeh’nden Sonne
- Zuwendete, und ich –
Stichwort: „… aufgeh’nden Sonne Zuwendete, und ich –“
Maria
- Regiert in Frieden!
- Jedwedem Anspruch auf dies Reich entsag’ ich.
- Ach, meines Geistes Schwingen sind gelähmt,
- Nicht Größe lockt mich mehr – Ihr habts erreicht,
- Ich bin nur noch der Schatten der Maria.
- Gebrochen ist in langer Kerkerschmach
- Der edle Mut – Ihr habt das Äußerste an mir
- Getan, habt mich zerstört in meiner Blüte!
- – Jetzt macht ein Ende, Schwester. Sprecht es aus,
- Das Wort, um dessentwillen ihr gekommen,
- Denn nimmer will ich glauben, dass ihr kamt,
- Um euer Opfer grausam zu verhöhnen.
- Sprecht dieses Wort aus. Sagt mir: „Ihr seid frei,
- Maria! Meine Macht habt ihr gefühlt,
- Jetzt lernet meinen Edelmut verehren.“
- Sagts, und ich will mein Leben, meine Freiheit
- Als ein Geschenk aus eurer Hand empfangen.
- – Ein Wort macht alles ungeschehn. Ich warte
- Darauf. O lasst michs nicht zu lang erharren!
- Weh euch, wenn ihr mit diesem Wort nicht endet!
- Denn wenn ihr jetzt nicht segenbringend, herrlich,
- Wie eine Gottheit von mir scheidet – Schwester!
- Nicht um dies ganze reiche Eiland, nicht
- Um alle Länder, die das Meer umfasst,
- Möcht ich vor euch so stehn, wie ihr vor mir!
Stichwort: „… so stehn, wie ihr vor mir!“
Elisabeth
- Bekennt ihr endlich euch für überwunden?
- Ists aus mit euren Ränken? Ist kein Mörder
- Mehr unterweges? Will kein Abenteurer
- Für euch die traur’ge Ritterschaft mehr wagen?
- – Ja es ist aus, Lady Maria. Ihr verführt
- Mir keinen mehr. Die Welt hat andre Sorgen.
- Es lüstet keinen euer – vierter Mann
- Zu werden, denn ihr tötet eure Freier,
- Wie eure Männer!
Stichwort: „… tötet eure Freier, Wie eure Männer!“
Maria (auffahrend)
- Schwester! Schwester!
- O Gott! Gott! Gib mir Mäßigung!
Stichwort: „… O Gott! Gott! Gib mir Mäßigung!“
Elisabeth (sieht sie lange mit einem Blick stolzer Verachtung an)
- Das also sind die Reizungen, Lord Lester,
- Die ungestraft kein Mann erblickt, daneben
- Kein andres Weib sich wagen darf zu stellen!
- Fürwahr! Der Ruhm war wohlfeil zu erlangen,
- Es kostet nichts, die allgemeine Schönheit
- Zu sein, als die gemeine sein für alle!
Stichwort: „… als die gemeine sein für alle!“
Maria
- Das ist zu viel!
Stichwort: „Das ist zu viel!“
Elisabeth (höhnisch lachend)
- Jetzt zeigt ihr euer wahres
- Gesicht, bis jetzt war’s nur die Larve.
Stichwort: „… bis jetzt war’s nur die Larve.“
Maria (von Zorn glühend, doch mit einer edeln Würde)
- Ich habe menschlich, jugendlich gefehlt,
- Die Macht verführte mich, ich hab’ es nicht
- Verheimlicht und verborgen, falschen Schein
- Hab’ ich verschmäht, mit königlichem Freimut.
- Das Ärgste weiß die Welt von mir und ich
- Kann sagen, ich bin besser als mein Ruf.
- Weh euch, wenn sie von euren Taten einst
- Den Ehrenmantel zieht, womit ihr gleißend
- Die wilde Glut verstohlner Lüste deckt.
- Nicht Ehrbarkeit habt ihr von eurer Mutter
- Geerbt, man weiß, um welcher Tugend willen
- Anna von Boulen das Schafott bestiegen.
Stichwort: „… Anna von Boulen das Schafott bestiegen.“
[…]
Maria
- Mäßigung! Ich habe
- Ertragen, was ein Mensch ertragen kann.
- Fahr hin, lammherzige Gelassenheit,
- Zum Himmel fliehe, leidende Geduld,
- Spreng endlich deine Bande, tritt hervor
- Aus deiner Höhle, langverhaltner Groll –
- Und du, der dem gereizten Basilisk
- Den Mordblick gab, leg’ auf die Zunge mir
- Den gift’gen Pfeil –
Stichwort: „… Zunge mir Den gift’gen Pfeil –“
[…]
(Elisabeth, für Zorn sprachlos, schießt wütende Blicke auf Marien.)
[…]
Maria
- Der Thron von England ist durch einen Bastard
- Entweiht, der Briten edelherzig Volk
- Durch eine list’ge Gauklerin betrogen.
- – Regierte Recht, so läget Ihr vor mir
- Im Staube jetzt, denn ich bin euer König.
Stichwort: „… jetzt, denn ich bin euer König.“
(Elisabeth geht schnell ab, die Lords folgen ihr in der höchsten Bestürzung.)
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende der Szene · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

